Nachwuchs bei den Wisenten
Als Naturfotograf Ingolf König eine Wildtierkamera in der Döberitzer Heide kontrollieren wollte, raschelte es plötzlich im Gebüsch. Eine Wisentkuh und ihr Kalb traten hervor.„Zum Glück hatte ich die Kamera griffbereit“, erinnert er sich. Wenige Augenblicke später verschwanden Mutter und Jungtier wieder im Dickicht. Für König, der das Gebiet seit Jahren ehrenamtlich für die Heinz Sielmann Stiftung durchstreift, war es ein seltener Moment: Ein so junges Kalb aus unmittelbarer Nähe zu sehen, gelingt nur wenigen.
In der Döberitzer Heide, nur wenige Kilometer westlich von Berlin, prägen Wisente, Przewalski-Pferde und Rothirsche eine Landschaft, die sich stetig verändert. Wer das Schutzgebiet besucht, erlebt offene Weite, stille Waldstücke und mit etwas Glück eine der seltenen Begegnungen mit Europas schwersten Landsäugetieren.
Im Juni ziehen sich die Wisentkühe in die ruhigen, dicht bewachsenen Bereiche der Kernzone zurück, die für Besucher nicht zugänglich ist. Dort bringen sie ihre Kälber allein zur Welt. Nach ein bis zwei Tagen schließen sie sich wieder der Herde an, in der sich die Jungtiere bald zu kleinen Spielgruppen zusammenfinden.
Rund 130 Wisente leben derzeit in der 1.860 Hektar großen Kernzone der Döberitzer Heide. Als schwerste Landsäugetiere Europas prägen sie die Landschaft nachhaltig: Sie verbeißen junge Gehölze, halten offene Flächen frei und schaffen Lebensräume für seltene Arten wie Wildbienen und bodenbrütende Insekten. Neben den Wisenten tragen auch Przewalski-Pferde und Rothirsche zur Pflege des Gebietes bei.
Wer die Döberitzer Heide erkunden möchte, startet am besten im Natur-Erlebniszentrum in Elstal. Die Ausstellung vermittelt Hintergrundwissen über die Tier- und Pflanzenwelt des Schutzgebiets, bevor es hinaus ins Gelände geht. Ein 55 Kilometer langes Wegenetz bietet zahlreiche Möglichkeiten für Spaziergänge und längere Wanderungen. Besonders eindrucksvoll ist der Blick vom Aussichtsturm am Finkenberg, der bei klarer Sicht bis zum Berliner Fernsehturm reicht.
Die Wisente zeigen sich am ehesten im Herbst und Winter, wenn das Laub lichter wird. Mit etwas Glück und einem Fernglas kann man sie aber auch im Sommer auf der sogenannten „Wüste“ entdecken – einem offenen Sandareal, das die Tiere regelmäßig aufsuchen. Die Döberitzer Heide ist damit ein Naturraum, der vor den Toren Berlins eine seltene Mischung aus Ruhe, Weite und Wildnis bietet.