„Die Zeit der leeren Kassen hat erst begonnen"

Gründerpaar Tiemann – seit Jahrzehnten engagierte Sammler, heute Stifter eines bundesweit einzigartigen Fördermodells für Museen.
Interview mit Dr. H. Jürgen Tiemann

„Die Zeit der leeren Kassen hat erst begonnen"

Der Tiemann‑Preis gehört zu den wenigen privaten Fördermodellen in Deutschland, die Museen beim Ankauf zeitgenössischer Kunst unterstützen. 2026 geht die Auszeichnung an den Hamburger Bahnhof und ermöglicht den Erwerb von sechs Arbeiten der Berliner Künstlerin Elif Saydam. Der Preis, initiiert von Dr. H. Jürgen und Ingeborg Tiemann, stärkt Museen in wirtschaftlich angespannten Zeiten. Im Gespräch erläutert Dr. Tiemann, wie aus jahrzehntelanger Sammlerleidenschaft ein Modell wurde, das Museen entlastet und unabhängigen Fachjurys die Entscheidung überlässt.

Herr Dr. Tiemann, erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem aus Ihrer Begeisterung für Kunst die konkrete Idee für einen eigenen Kunstpreis wurde.
Im Jahr 2012 sprachen meine Frau und ich intensiv darüber, unsere Begeisterung für Kunst in eine neue Form zu überführen. Wir sammeln seit vielen Jahrzehnten, und die Idee eines eigenen Preises bedeutete für uns eine konsequente Erweiterung dieser Leidenschaft.

Der Tiemann‑Preis zeichnet nicht direkt Künstlerinnen und Künstler aus, sondern ermöglicht Museen den Ankauf ihrer Werke. Warum war Ihnen genau dieses Modell wichtig? 
Wir haben lange darüber nachgedacht, welcher Weg für unseren Kunstpreis der richtige ist. Gespräche mit Kuratorinnen und Kuratoren, Museumsvertretern, Sammlern und kunstinteressierten Freunden waren entscheidend. Mit der jetzigen Konzeption haben wir ein Modell gefunden, das – soweit wir es überblicken – in Deutschland neu ist und inzwischen von vielen Fachleuten als überzeugend bestätigt wird.

2026 wird der Preis bereits zum vierten Mal vergeben. Was hat sich seit der ersten Preisverleihung entwickelt – und gab es Momente, die Sie besonders berührt oder überrascht haben? 
Die Jurysitzungen werden durch ein Scoring vorbereitet, um die Auswahl aus 20 bis 30 Bewerbungen innerhalb eines Tages zu erleichtern. Interessant ist: Noch nie hat derjenige gewonnen, der in dieser Vorauswahl die meisten Punkte erhalten hat. Auch in der Endrunde zeigt sich regelmäßig, dass die zunächst favorisierten Werke oder Museen nicht unbedingt den ersten Preis bekommen.

In diesem Jahr geht der Tiemann‑Preis an den Hamburger Bahnhof und ermöglicht den Ankauf von sechs Arbeiten der Berliner Künstlerin Elif Saydam. Was macht diese Entscheidung für Sie persönlich besonders? 
Nach der ersten Preisvergabe an das Folkwang‑Museum in Essen geht die Auszeichnung nun an ein bedeutendes Haus in Berlin – die Stadt, in der wir leben. Das wird uns künftig noch häufiger in dieses großartige Museum führen.

Elif Saydam, Zu spät (VII) aka Leider Nicht (Unfortunately Not), 2023 23-karätiges Gold, Inkjet-Transfer und Öl auf Leinwand. 30×21 cm

Sie betonen, dass Kunst gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten gefördert werden muss. Warum ist kulturelles Engagement aus Ihrer Sicht heute wichtiger denn je? 
Alle öffentlichen Kassen sind derzeit leer, besonders im Bereich der Kunstförderung. Die Möglichkeit für Museen, neue Werke anzukaufen, ist stark eingeschränkt. Diese Phase hat erst begonnen. Deshalb ist unsere Form der Unterstützung wichtiger denn je – und sie macht von Mal zu Mal mehr Freude.

Die Auswahl trifft eine unabhängige Fachjury, ohne Mitsprache der Stifter. Fällt es Ihnen manchmal schwer, die Entscheidung vollständig aus der Hand zu geben – oder ist gerade diese Unabhängigkeit eine Stärke des Preises? 
Die Auszeichnung über Museen stellt bereits eine erste Vorauswahl dar. Jedes Haus erläutert ausführlich, warum die vorgeschlagenen Werke die Sammlung sinnvoll ergänzen. Unsere Jury besteht aus Museumsleiterinnen und Museumsleitern moderner Kunst sowie weiteren exzellenten Fachleuten. Nach dieser zweistufigen Prüfung übergeben wir die Entscheidung gern. Diese Unabhängigkeit ist eine wesentliche Stärke des Preises.

Wenn Sie zehn Jahre vorausblicken: Welche Spuren soll der Tiemann‑Preis bis dahin in Museen, Sammlungen und vielleicht auch im gesellschaftlichen Bewusstsein hinterlassen haben? 
Da sich die Museen gezielt bewerben, ergänzen die angekauften Werke ihre Ausstellungen auf hervorragende Weise. Die Preisbedingungen stellen sicher, dass die Arbeiten langfristig öffentlich zugänglich bleiben. Vielleicht wird unser Konzept ein Vorbild für weitere private Initiativen. Vielleicht regt es Kunstfreundinnen und Kunstfreunde an, selbst aktiv zu werden.

Danke für das Gespräch

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