In gut zwanzig Jahren hat sich das Prime Time Theater im Wedding einen Kultstatus erspielt und eine moderne Form des Berliner Volkstheaters geschaffen, das die Themen der Stadt leichthändig überfliegt, kein Klischee auslässt und das
Publikum mit Amüsemang entlässt.
Das ist die eigentliche Kunst und große Klasse dieses Theaters: Es hat das angestaubte Harald Juhnke- und Günther Pfitzmann-Volkstheater, das einst den Boulevardhumor in Berlin prägte, in eine zeitgemäße Form weiterentwickelt. Sie widerspiegelt den Alltag und die Themen dieser Stadt, schöpft die Klischees knüppeldick aus und überfliegt sie gleichzeitig mit Leichtigkeit. Am Ende hat sich das Herbstlaub am Boden des Theaters ebenso erklärt wie die wiederauferstandene Oma, der hibbelige Zwillingsengel, die strenge arabische Securityfrau und das emotional gar nicht so unkomplizierte Techtelmechtel zwischen Taxifahrer Hotte und der liebesgeplagten Bezirksamtsmitarbeitern. Als eines der Liebespärchen zum Schluss den Mond über Dubai anschmachtet, weiß ziemlich sicher niemand mehr, worum es in den letzten zwei Stunden eigentlich ging. Und das ist völlig egal – der Applaus für das Ensemble, darunter auch der Regisseur dieser Folge selbst, ist tosend, die Herzen sind leicht und alle haben sich wie Bolle amüsiert.
Über mangelndes Zuschauerinteresse kann das Prime Time Theater nicht klagen: Die Mitarbeiterin der Abendkasse kommt an diesem Abend jedenfalls kaum hinterher, vorbestellte Theaterkarten auszuhändigen und gleichzeitig am Zapfhahn der Theaterschänke Biergläser zu füllen, um die Barkollegen zu unterstützen. Praktischerweise sind Kasse und Bar durch denselben Tresen vereinigt, wie sowieso das ganze Theater pragmatisch eingerichtet ist. Das Foyer ist brechend voll mit gutgelaunten Menschen, die sich hier ganz offensichtlich bestens auskennen. Kurz nach acht schiebt sich ein imposanter Mann mit gelbem „Post“-Shirt durch das Gewusel, rückt kurz seinen Vokuhila zurecht und verkündet mit dröhnender Stimme, dass es „jleich losjeht“, er „nur noch eben kurz draußen eene roochen“ gehe. Für das Publikum ist es das Signal, sich nun zum Einlass zu begeben, um sich auf einen der 230 roten Samtsessel in dem großzügig bestuhlten Theater fallen zu lassen. „Gläser könnta mit rinnehmen“. Draußen ist es an diesem Aprilabend saukalt, darum wundert sich scheinbar niemand über den Schwall an Herbstblättern, die im Eingangsbereich auf dem Boden liegen. Seit 23 Jahren gibt es im Wedding das Prime Time Theater. 2019 war es zwischendurch mal pleite, hat aber gleich darauf den Betrieb wieder mithilfe eines Unterstützers, des heutigen Geschäftsführers, aufgenommen. Feste inhaltliche Stütze des Betriebs ist seit dem ersten Tag die endlose Live-Sitcom „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“, die den Ruf des Theaters begründete und längst zum Kult geworden ist. Angelehnt an die einst beliebte Endlosserie ähnlichen Namens im Privatfernsehen, erzählen das Ensemble darin eine Saga, die ebenso verdreht und von absurden Wendungen und bizarren Entwicklungen geformt ist wie das Vorbild. An diesem Abend wird eine der letzten Vorstellungen der 140. Folge („Vom Wedding verweht“) gespielt, bevor im Mai dann die 141. Folge („Wedding, mon Amour“) Premiere hat.
Gut getimtes Boulevardtheater
Vorwissen ist nicht nötig, denn am Anfang jedes Abends gibt es eine kurze filmische Zusammenfassung, die allerdings eher auf den Groove des Hauses einstimmt, als dass sie Handlung vermittelt. Diese ist ohnehin eher nebensächlich. Noch davor steht bereits einer der Höhepunkte der Show: Der imposante Mann mit dem satt anliegenden gelben Shirt macht jetzt nämlich auf der Bühne den Einheizer und führt erstmal in den Weddinger Akkusativ ein. Auch das wäre nicht nötig, denn das Publikum ist im Bilde: „Wen oder wat freu ick …?“ ruft der Gelbe auffordernd – „Mir!“, brüllt das Publikum jubelnd zurück – und weil es so schön war, gleich nochmal, und auch La Ola geht durchs Publikum.
Der Mann im gelben Shirt ist der Chef und heißt Oliver Tautorat. 2003 gründete der ausgebildete Schauspieler das Theater und bis heute steht er in jeder Folge mit mehreren Rollen auf der Bühne. Gerade sind das der Postbote Kalle, der Taxifahrer Hotte, der verpeilte Kiffer Curly, ein stehengebliebener Sozialarbeiter und noch ein paar andere Vögel. In den nächsten 90 Minuten wird die Handlung kurzfristig nach Dubai, nach Spandau, in den Himmel und wieder zurück in den Wedding verlegt.
Die Grundlage aus gut getimtem Boulevardtheater und Impro-Elementen eines präzise eingespielten Ensembles wird mit milden technischen Mitteln wie Splitscreen, Video-Einspielern und lässig choreographierten Umbauphasen angereichert. Das alles wirkt gleichzeitig leichthändig, hochprofessionell und so vollkommen durchgeknallt, dass man nicht anders kann, als sich die wilde Mixtur zu Gemüte zu führen und sich über sich selbst zu wundern, worüber man alles lachen kann, wenn man sich nur mal locker macht. Auch wenn an Spitzen gegen Lastenradfahrer und Spandauer nicht gespart wird, gelingt Tautorat und seinem Team immer die Balance: an Kalauern herrscht kein Mangel, aber unter die Gürtellinie oder ins Gehässige wird nie gezielt. Der Figurenpark ist weddingtypisch divers, vom gemütvollen Checker Taifun mit türkisch gefärbtem Stakkato und der kopftuchtragenden, bodenständigen Bestie Esra bis zur unbeeindruckbaren 114-jährigen Altwestberlinerin, der mausigen Bezirksamtsleiterin Margot und einem verpeilten Jogginghosenpärchen. Und auch ein paar Scheichs tauchen noch auf sowie ein Wettermoderator und ein esoterischer Heiler. Die Schauspielerinnen und Schauspieler des Prime Time-Ensembles sind dabei so wandlungsfähig, dass man nach dem Schlussapplaus nachzählen muss, wieviele Menschen jetzt überhaupt auf der Bühne standen, nämlich fünf.
Information
Prime Time Theater
Müllerstraße 163
Folge 141 “Wedding, mon Amour”
Karten ab 33 Euro
www.primetimetheater.de