Ein Ost-Lieblingsort neu erfunden

Natacha Neumann im oberen Aufenthaltsbereich - Mokka Berlin
Interview mit Natacha Neumann

Die Mokka Milch Eis Bar an der Karl-Marx-Allee war schon zu DDR-Zeiten ein beliebter Treffpunkt. Heute verbindet der historische Ort Gastronomie, Kultur, Veranstaltungen und Coworking.

Die Mokka Milch Eis Bar war zu DDR-Zeiten ein Glücksort auf der Karl-Marx-Allee – ein Treffpunkt, der weit mehr war als nur ein Eisladen. Zwischen sozialistischer Architektur und breiten Magistralen bot sie einen Hauch von Süße im grauen Alltag. Familien kamen nach dem Spaziergang vorbei, Schüler trafen sich nach Unterrichtsschluss, und an warmen Tagen reichte die Schlange bis auf den Bürgersteig. Auch Touristen strömten hier her – von Oberwiesenthal bis Stralsund. Für viele Ostdeutsche gehörte ein Besuch der Mokka Milch Eis Bar fest zum Berlinprogramm. Denn sie war berühmt für ihre üppigen Eisbecher und die besondere Atmosphäre an der breiten Vorzeigestraße, auf der die DDR-Führung regelmäßig staatliche Aufmärsche und sozialistische Festakte abhielt. Legendär waren die Kreationen, die man nur hier bekam: Der „Karl Marx Klassiker“ mit Vanille, Schokosauce und einer Kirsche war der unangefochtene Renner, dicht gefolgt vom „Milchbar Traum“, einer Mischung aus Erdbeercreme, Sahne und knusprigen Waffelstücken. Manche behaupten, der „Schoko Schnee“ sei der heimliche Bestseller gewesen – ein Becher, der in der Nachbarschaft fast Kultstatus hatte. Die Mokka Milch Eis Bar war ein Ort mit einem Hauch von Luxus und Üppigkeit. Nun feiert das traditionsreiche Haus sein Comeback. Das Unternehmerpaar Natacha und Alexander Neumann hat dem denkmalgeschützten Gebäude neues Leben eingehaucht – mit moderner Küche, vielfältigen Veranstaltungen und einem Coworking-Bereich. Ein Konzept, das die Geschichte des Hauses ernst nimmt und gleichzeitig entschlossen nach vorn blickt. Darüber sprechen wir mit Natacha Neumann.

Die Mokka Milch Bar mit frischem Konzept

Wie viele Menschen haben Ihnen bei der Eröffnung zuerst von ihrem Lieblingseisbecher erzählt, bevor sie überhaupt „Guten Tag“ gesagt haben?

Zum Glück haben die Leute nicht nur über die Eisbecher von damals gesprochen. Viele sind reingekommen und haben von ihren Erinnerungen erzählt – dass sie hier geheiratet haben oder ihre erste Verabredung hatten. Schon bevor wir geöffnet hatten, gaben uns Leute Vorschläge, was unbedingt auf die Karte sollte (lacht). Das hat mich sehr berührt. Die Eisbecher sind heute nicht das, wofür wir bekannt sein möchten. Wir bieten Eis an – aber reduziert, aus Respekt vor der Vergangenheit dieses Ortes.

Nun stehen die Eisbecher nicht mehr an erster Stelle, und trotzdem ist der Laden voll. Hatten Sie Bedenken, dass Gäste enttäuscht sein könnten? 

Eigentlich nicht. Aber natürlich gab es Menschen, die eine klassische Eisdiele erwartet hatten. Wenn wir mit ihnen ins Gespräch kamen und unser Konzept erklärt haben, war schnell Verständnis da. Mit Eisbechern allein kann man heute nicht überleben. 

Im Restaurantbereich steht dafür ein Eiswagen, an dem man sich ein Eis holen kann. Wie kam es dazu? 

Wir wollten unbedingt einen Eiswagen – auch, um Bewegung und Publikumsverkehr zu schaffen. Wenn man vom Tisch aufsteht und ein paar Meter weiter ein Eis holt, kommt man vielleicht mit anderen Gästen ins Gespräch. Das passt zu unserem Anspruch, hier einen Ort der Begegnung zu schaffen. Anfangs hat der Denkmalschutz den Wagen vor dem Gebäude nicht genehmigt. Inzwischen dürfen wir ihn draußen aufstellen, aber wegen der Wespen bleibt er vorerst drinnen. Und er bewährt sich wirklich. 

Wenn man die Mokka Milch Bar heute betritt, ist es ein anderer Ort als früher. Beschreiben Sie das neue Konzept. 

Über allem steht die Idee eines Ortes, der Verbindungen schafft. Unsere drei Säulen sind die Gastronomie mit Café, Restaurant und Bar, als zweites sind es Events, die wir selbst veranstalten wie Workshops, Gesprächsrunden, Pilateskurse, Konzerte – und private Veranstaltungen jeder Größe. Das dritte Element ist Coworking. Auf der Galerie des Restaurants kann man ruhig arbeiten und sich austauschen. Plätze gibt es stundenweise oder ganztägig für 30 Euro, davon gehen 20 Euro für Essen und Trinken ab. Es gibt einen Members-Bereich mit Büroausstattung und Meetingraum. 

Member Bereich mit voller Büroausstattung
Der Meetingraum bietet Platz für zwölf Personen und ist mit kompletter Technik inklusive Smart‑Display ausgestattet

Ist diese Kombination erfolgversprechend? 

Ja, sie läuft an. In Berlin gibt es einen großen Bedarf an Arbeitsmöglichkeiten und Veranstaltungsflächen. Die Galerie wird tagsüber fürs Coworking genutzt und ab 17 Uhr für Events. Unsere Räume eignen sich für kleine und große Formate, wir veranstalten auch selbst Events – mal mit 30 Gästen, mal mit 300. Das Haus ist technisch vollständig ausgestattet, und wir kochen direkt vor Ort. 

Was zeichnet die Küche aus?

Wir bieten mediterrane Gerichte mit frischen Zutaten, viele davon zum Teilen. Es ist Wohlfühlküche, die die meisten mögen. Man kann frühstucken, à la carte essen und seit Kurzem auch brunchen.

Welche Veranstaltungsformate sind geplant? 

Zum Beispiel „Brunch und Philosophie“ mit Vortrag und Diskussion, regelmäßige Cellokonzerte, DJ Partys, Kunstworkshops, Pilates, Family Brunch mit Kinderbetreuung. Im Grunde geht es immer um Kulinarik, Kultur und gute Gespräche.

Die Mokka Milch Bar liegt mitten im Wohnkiez und direkt neben dem wiedereröffneten Kino International. Kommen eher die Anwohner oder das Ausgehpublikum? 

Das Publikum ist bunt gemischt: Berlinreisende, Menschen aus dem Kiez, Geschäftsleute. In der direkten Umgebung gibt es kaum Orte zum Kaffeetrinken – die Nachbarschaft hat uns mit Blumen begrüßt, als wir eröffnet haben. Jahrelang war hier nämlich gar nichts. Es gibt Aldi – und uns. Ich hoffe, dass weitere Läden folgen. 

Was macht das Haus für Sie besonders? 

Dieses Gebäude ist wunderschön. Ich habe mich sofort verliebt. Es hat eine besondere Energie – man spürt, wie wichtig es vielen Menschen war und ist. Der Ort hat etwas Magisches. 

Als Unternehmerin haben Sie verschiedene Projekte erfolgreich vorangetrieben. Wie herausfordernd und wie risikoreich bewerten Sie die Mokka Milch Bar als unternehmerisches Projekt? 

Wir haben mit „Freche Freunde“ eine der erfolgreichsten Kindermarken Deutschlands aufgebaut. Aber jedes Projekt hat eigene Risiken und Herausforderungen. Die Mokka Milch Bar hat besonders viele (lacht) – und genau das macht es spannend. Ein gutes Team und eine Portion Mut gehören dazu.

Sie sind gebürtige Französin und haben schon an verschiedenen Orten gelebt. Was gefällt Ihnen an Berlin? 

Ich war nie länger als zehn oder zwölf Jahre an einem Ort und in Berlin bin ich nun seit 16 Jahren (lacht). Das Kiezleben ist einmalig. Ich habe manchmal das Gefühl, ich lebe in einem Dorf mit all den Möglichkeiten einer Großstadt. Das gefällt mir sehr. Ich mag die Weltoffenheit von Berlin und die Vielfältigkeit. Einen Lieblingsort habe ich nicht, nein, es ist die Mischung. 

Auch wenn es in Berlin im Moment nicht überall aufwärts geht … 

Es liegt in unserer Hand, schöne Orte zu schaffen, rauszugehen und Geld in unserer Stadt auszugeben – statt in Meckerkultur zu verfallen. Wir sollten das Beste daraus machen. 

 

Danke für das Gespräch. 

MOKKA*MILCH

Karl-Marx-Allee 35
10178 Berlin

Tägliche Öffnungszeiten
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