Brandenburgs See der Gegensätze

Der große Stechlinsee
Ausflug Großer Stechlin

Klare Sicht bis in die Tiefe, ausgedehnte Buchenwälder, eine Forschungsstation und die Spuren der DDR-Kernenergie: Der Große Stechlin vereint Natur, Wissenschaft und Zeitgeschichte auf ungewöhnliche Weise.

Mit etwas Glück zeigt sich selbst zur Mittagszeit ein Eisvogel. Blitzartig fliegt der kleine Jäger am Ufer entlang oder verharrt regungslos auf einem Ast, bevor er sich kopfüber ins Wasser stürzt und kurz darauf wieder im Schilf verschwindet. Der leuchtend blaue Vogel gehört zu den bekanntesten Bewohnern der Region und steht sinnbildlich für die Natur rund um Brandenburgs tiefsten See: den Großen Stechlin.

Ausgehend vom Ort Neuglobsow führen Wanderwege entlang des Ufers und durch ausgedehnte Wälder. Immer wieder öffnen sich Blicke auf den See, der durch Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“ literarische Berühmtheit erlangte.

Mit einer Tiefe von bis zu rund 70 Metern gilt der Große Stechlin als tiefster See Brandenburgs. Bekannt ist er vor allem für seine Wasserqualität. Wer hier schwimmt, kann vielerorts weit unter die Oberfläche blicken und beobachten, wie der Grund unmittelbar vor dem Ufer in die Tiefe abfällt.

Die guten Sichtverhältnisse machen den See seit Jahren zu einem beliebten Ziel für Taucher. Eine Tauchschule in Neuglobsow bietet Kurse und geführte Tauchgänge an. Unter Wasser eröffnet sich eine Landschaft aus steinigen Uferbereichen, versunkenen Bäumen und klaren Sichtachsen, heißt es. Ende September zeigt sich die Umgebung noch in sommerlichem Grün. Mit dem Herbst verändert sich das Bild rasch. Die Buchenwälder färben sich gelb und rot, Laub bedeckt die Wege und an vielen Stellen wird der Blick auf das Wasser freier. Rund um den See verlaufen gut ausgebaute Wanderwege, die auch außerhalb der Badesaison genutzt werden.

Zwei Generationen auf einem Ast: Ein ausgewachsener Eisvogel und ein Jungvogel. Er ist selten zu beobachten, findet aber am Großen Stechlin einen geeigneten Lebensraum
Kanadier, Segelboot oder SUP erkunden. Auch geführte SUP-Touren werden angeboten. Eine vorherige Reservierung per Telefon oder E-Mail wird empfohlen

Dass der Große Stechlin längst kein Geheimtipp mehr ist, zeigt sich besonders an sonnigen Wochenenden. Dann zieht es zahlreiche Badegäste, Wanderer und Ausflügler nach Neuglobsow. Wer die Landschaft in ruhigerer Atmosphäre erleben möchte, besucht die Region besser unter der Woche oder außerhalb der Sommermonate.

Zu den beliebtesten Strecken gehört der Stechlinsee-Rundweg. Je nach gewählter Route führt er auf etwa 14 bis 17 Kilometern einmal um den gesamten See. Der Weg verläuft durch alte Buchen- und Kiefernwälder, passiert stille Buchten und bietet immer wieder unmittelbaren Zugang zum Wasser.

Auf der Westseite des Sees stößt man auf ein ungewöhnliches Kapitel deutscher Zeitgeschichte. Dort befindet sich das ehemalige Kernkraftwerk Rheinsberg. Noch heute erinnern der markante Schornstein und Teile der Anlage an die industrielle Vergangenheit des Standorts.

Auf einer Landenge zwischen Nehmitzsee und Stechlinsee begann 1960 der Bau des Kraftwerks. 1966 ging die Anlage als erstes wirtschaftlich genutztes Kernkraftwerk der DDR ans Netz. Nach der Wiedervereinigung wurde der Betrieb 1990 eingestellt. Seit Mitte der 1990er Jahre läuft der Rückbau.

Der See spielte dabei eine wichtige Rolle. Das Kühlwasser wurde dem Nehmitzsee entnommen und über einen Kanal in den Stechlinsee geleitet. Die Erwärmung des Wassers hatte Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt und machte den See zugleich zu einem bedeutenden Forschungsobjekt. In Neuglobsow betreibt das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei eine Außenstelle. Wissenschaftler untersuchen dort seit Jahrzehnten die Entwicklung des Sees und seiner Lebensgemeinschaften. Der Große Stechlin gehört damit zu den am besten erforschten Seen Deutschlands.

Seine außergewöhnliche Klarheit hängt unter anderem mit dem ursprünglich sehr geringen Phosphorgehalt des Wassers zusammen. Dadurch konnten sich Algen nur begrenzt vermehren, was Sichtweiten von bis zu acht Metern ermöglichte. Forscher beobachten jedoch seit Jahren Veränderungen im Nährstoffhaushalt und deren Auswirkungen auf das Ökosystem. Eine weitere Besonderheit sind die zahlreichen Steine und Findlinge an vielen Uferabschnitten. Sie stammen aus der letzten Eiszeit. Gletscher transportierten das Gestein aus Skandinavien in die Region und hinterließen es nach ihrem Abschmelzen. Die steinigen Ufer verleihen dem See stellenweise ein Erscheinungsbild, das eher an norddeutsche oder skandinavische Gewässer erinnert als an einen typischen märkischen Badesee.

Nach einer Wanderung oder einem Bad lohnt sich ein Rundgang durch Neuglobsow. Cafés und Restaurants laden zur Einkehr ein. Das Gläserne Café im Gemeindezentrum ist dabei einer der unkomplizierten Treffpunkte des Ortes.

Ina Hegenberger

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