Wir bleiben neugierig und haben Freude an unserer Arbeit

Seit vier Jahrzehnten prägt BIG.Bau Berlin das Stadtbild der Hauptstadt. Ob Neubau, Instandsetzung oder die behutsame Sanierung denkmalgeschützter Fassaden – das Unternehmen hat unzählige Gebäude durch verschiedene Bauphasen begleitet, modernisiert und weiterentwickelt. Die Geschichte von BIG.Bau Berlin ist zugleich ein Stück Berliner Wiedervereinigung. Dr. Frank-Peter Muschiol und Jörg Hoppe haben gemeinsam das Unternehmen geprägt. Aus einem ehemaligen VEB entstand ein moderner Mittelständler, der sichtbare Spuren in der Stadt hinterlassen hat. Nun verabschiedet sich Muschiol in den Ruhestand. Ein passender Moment, um auf vier Jahrzehnte Baugeschichte zurückzublicken, über Herausforderungen und Erfolge zu sprechen – und den Blick nach vorn zu richten: auf die Zukunft des Bauens in Berlin

 

 

Herr Muschiol, Wenn Sie auf vier Jahrzehnte BIG.B zurückblicken: Gibt es einen Moment, ein Projekt oder eine Begegnung, die für Sie besonders gut zusammenfasst, wie sich das Unternehmen entwickelt hat?

Einen solchen Moment empfinde ich immer dann, wenn unsere Firma unerwartet Anerkennung von außen bekommt: Einen Denkmalschutz-Preis hier, einen Handwerker-Preis dort oder die Würdigung gelungener Integration in der Ausbildung. Und etwas weniger förmlich: Es sind auch die Momente auf einem tollen Betriebsfest oder der Blick auf die Zahlen, der zeigt, dass wir wieder ein wirtschaftlich solides Jahr geschafft haben.

BIG.Bau Berlin-Gründer Frank-Peter Muschiol und Jörg Hoppe

Sie haben die Firma in einer Zeit übernommen, in der vieles ungewiss war. Was ging Ihnen damals durch den Kopf – und was hat Sie trotz aller Risiken überzeugt, diesen Schritt zu wagen?

Das war kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, als ich die Anteile von der Treuhandanstalt übernahm. Soll ich ehrlich sein? Zunächst einmal hatte ich große Sorge, nein Angst, den unternehmerischen Fehler meines Lebens begangen zu haben. Andererseits war ich damals Anfang 40, also im besten unternehmerischen Alter. Wann, wenn nicht dann, soll man etwas wagen? Außerdem – und das sage ich ohne falsches Pathos – musste es ja Menschen geben, die ein Risiko eingehen, um die Wiedervereinigung auch wirtschaftlich stemmen zu können.

Panoramafenster zum Zoo im Bkini Berlin, bei dem BIG.B die energetische Fassadendämmung übernahm.

Die Geschichte des Unternehmens ist eng mit dem Zusammenwachsen von Ost und West verbunden. Wie haben Sie diese Anfangsjahre erlebt – und was hat das Miteinander mit ihrem Geschäftspartner Jörg Hoppe für die Entwicklung der Firma bedeutet?

Die anfängliche Angst ist mir schnell vergangen. Schnell merkte ich nämlich, dass ich einen Betrieb mit kompetenten, leistungswilligen Mitarbeitern übernommen hatte – allen voran mein Partner Jörg Hoppe, der schon zu Zeiten der Treuhandanstalt als Diplom-Ingenieur in der Firma gearbeitet hatte. Ich musste mich also nicht als Einzelkämpfer fühlen – und das beruhigt.

Welche Projekte waren für Sie rückblickend echte Wegmarken – sei es wegen ihrer Größe, ihrer Komplexität oder ihrer Bedeutung für das Unternehmen?

Um hier nur einige Wegmarken zu nennen: ein erster großer Millionen-Auftrag für Fassadendämmung im Märkischen Viertel, weil wir unseren späteren Stammkunden, städtischen Wohnungsbaugesellschaften und Wohnungsgenossenschaften, beweisen konnten, dass wir solchen Aufgaben in jeder Hinsicht gewachsen sind. Ein Meilenstein war auch ein erstes Großprojekt als Generalunternehmer für schlüsselfertige Sanierung, das uns die Deutsche Wohnen in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe als Auftragssumme anvertraute. Schließlich unsere Arbeiten an denkmalgeschützten Bauvorhaben wie dem „Bikini-Haus“ und ganzen Wohnungssiedlungen. Dabei haben wir nie kleine, liebevolle Bauvorhaben vernachlässigt – man kann uns auch rufen, um eine Zwei-Zimmer-Wohnung zu sanieren.

Ein liebevoll restauriertes historische Gebäude, dessen Sanierung und Fassadengestaltung den ursprünglichen Charakter erhalten und sichtbar aufwerten
Ein liebevoll restauriertes historische Gebäude, dessen Sanierung und Fassadengestaltung den ursprünglichen Charakter erhalten und sichtbar aufwerten

Wenn Sie auf Ihre Zeit als Unternehmer schauen: Welche Haltung hat Sie dabei am stärksten geleitet?

Man muss in erster Linie Freude daran haben, eine Dienstleistung zu erbringen. Wer andere belehren oder erziehen möchte, ist im Baugewerbe fehl am Platz. Das gilt im Umgang mit Kunden genauso wie im Miteinander im eigenen Team.

Sie haben die Berliner Bauwelt der 1980er- und 1990er-Jahre hautnah erlebt. Können Sie diese Zeit kurz beschreiben?

Ich erinnere mich an eine Zeit der Aufbruchstimmung und des Anpackens. Sicherlich spielte dabei auch das eigene Alter in dieser Zeit eine Rolle. Allerdings fällt es mir etwas schwer, mir vorzustellen, dass später einmal die heutigen Zeiten mit solchen Attributen geschildert werden.

Wenn Sie die Entwicklung der Stadt betrachten: Was hat sich am Berliner Bau- und Immobilienmarkt in den vergangenen 40 Jahren am deutlichsten verändert?

Ich glaube, es ist nicht nur der Pessimismus des Alters, wenn ich befürchte, das von mir geschilderte Gefühl von Aufbruchstimmung ist durch Bürokratie und sozialistische Rezepte für den Wohnungsbau verloren gegangen. Momentan sehe ich auf diesem Gebiet keine kurzfristige Rettung.

... Weil die Branche unter Druck steht durch hohe Kosten, lange Genehmigungen und Fachkräftemangel? Sehen Sie Anzeichen für eine Trendwende?

Beim Fachkräftemangel hoffe ich auf Entspannung im Handwerk, auch wenn das im Gegenzug keine gute Nachricht für industrielle Arbeitsplätze ist. Wenn tatsächlich ein nennenswerter Teil der Rekordverschuldung der öffentlichen Hand in Investitionen und nicht nur in den Konsum fließt, wird auch der Bau profitieren. Ob uns das als Gesellschaft bekommen wird, lasse ich mal dahingestellt. Ob ich an Entbürokratisierung glaube? Erst, wenn sie aus Sonntagsreden in die Praxis gelangt ist. Insgesamt bin ich aber optimistischer als dies jetzt klingt: Menschen sind anpassungsfähig.

DDR-Plattenbauensemble in Alt‑Friedrichsfelde am Tierpark mit großflächiger Fassadenbemalung in Form eines Triptychons

BIG.B ist bekannt für kreative Lösungen – von Fassadenkunst bis zu Sanierungen mit Denkmalschutzauflagen. Was macht für Sie diese besondere Herangehensweise aus?

Wir bleiben neugierig und haben Freude an unserer Arbeit. Das bringt uns immer wieder auf neue Ideen und hilft uns, auch ungewöhnliche Wege auszuprobieren.

Was würden Sie jungen Menschen oder Gründern mitgeben, die heute in der Baubranche Fuß fassen wollen?

Das, was immer geholfen hat: Freude an der Arbeit, Mut und Zuversicht und strenge Rechnung. 

Was würden Sie sich für die Zukunft des Bauens in Berlin wünschen? 

Dass all diese Eigenschaften belohnt werden.

Die von BIG Bau Berlin sanierte Fassade an der Allee der Kosmonauten bringt frische Farbe und neuen Glanz ins Wohnquartier
Umfangreichen Sanierung der Bruno-Taut-Siedlung „Attilahöhe“

BIG.B feiert 40 Jahre, und Sie selbst gehen in den Ruhestand. Was bedeutet Ihnen dieser Moment persönlich?

Weder Verzweiflung noch Euphorie. Das Sein bestimmt das Bewusstsein – so ist das bei mir erfreulicherweise auch. Marx lag also auch nach meiner Einschätzung nicht immer falsch. Ich mache mit der neuen Situation aus Überzeugung meinen Frieden.

Gibt es etwas, das Sie heute anders machen würden – oder etwas, auf das Sie besonders stolz sind?

Auch meine Fehler haben mir auf irgendeine Weise weitergeholfen. Stolz? Vielleicht auf die Tatsache, dass ich immer mit der großen Mehrheit meiner Mitmenschen gut ausgekommen bin.

Wie wird das 40-jährige Jubiläum gefeiert? 

In jedem Fall wird krachend gefeiert! An einem originellen Ort und im kleinen Kreis von zweihundert Gästen, die es gut mit uns meinen.

Danke für das Gespräch.

 

Ina Hegenberger

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