Reif für die Insel

Die Insel Eiswerder in Spandau vermittelt Inselgefühl in Stadtnähe. Zwischen historischer Bau­substanz entstehen dort viele neue Wohnungen mit Blick aufs Wasser.

Je näher man dieser Insel kommt, desto mehr zieht sie in ihren Bann. Über die schmale Brücke kommt eine Joggerin, ein Hund geht Gassi und Wildgänse rufen im Flug über die Havel. Ein paar Schritte vorbei an dem trutzigen, weißgestrichenen Riegel des ehemaligen Reichstypenspeichers, dann beginnt die Inselidylle. Nach wenigen Schritten führt die Fahrbahn nach links, doch wir gehen geradeaus, wo man nur zu Fuß hinkommt. Wir wollen die Insel von Nord nach Süd umrunden. Hier dominiert die alte Bausubstanz, historische Fabrikfassaden aus rotem Backstein, immer mal wieder ein hoher Kamin, und vor allem Natur in Form von Bäumen, Wiesen, gepflegtem Efeu, der sich an Backsteinmauern rankt. Eine weitläufige Wiese umrandet von Bäumen, dazwischen glitzert das Wasser.
Die Insel Eiswerder ist ein Geheimtipp. Sie liegt im Nordwesten von Berlin in der Havel, die sich hier zum Spandauer See erweitert. Mit 140 000 Quadratmetern ist sie gerade mal doppelt so groß wie der Alexanderplatz, und liegt scheinbar doch in einer anderen Stadt. Einst wurde Eiswerder als Standort der preußischen Militärindustrie genutzt, unter anderem wurde hier ein „königliches Feuerwerkslaboratorium“ betrieben. Die Munitionsfabrikation prägen Eiswerder als alte Bausubstanz bis heute. Zu West-Berliner Zeiten lagerten hier die Getreidevorräte der Mauerstadt und auch der Berliner Filmmogul Arthur Brauner betrieb am Rand von Eiswerder Filmstudios, wo unter anderem „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ mit Romy Schneider gedreht wurde.

Von der Industriebrache zum lebendigen Campus; Seit 2017 entwickeln LIGNE Architekten den Inselcampus Eiswerder.
Ein modernes Gewerbegebiet soll entstehen. Die historische Fabrik mit ihrer einmaligen Gebäudesubstanz wird energetisch sanierten und vielseit

Bald nach der Wende wurden Investoren auf den Ort aufmerksam, aber große Pläne zur Aufwertung der Insel, die zum Bezirk Spandau gehört, verwirklichten sich nicht. Seit 2010 liegt der Schwerpunkt der Entwicklung bei hochwertigem Wohnraum und viele der historischen Gebäude sind seither feingemacht worden und erweitern das Leben auf der Insel. Im markanten ehemaligen Verwaltungsgebäude des Feuerwerkslaboratoriums, 1894 fertiggestellt und unter Denkmalschutz stehend, war seit dem Zweiten Weltkrieg eine Schule untergebracht, wo noch in den 1970er- Jahren Berliner Schiffsbauer und Binnenschiffer ausgebildet wurden. Seit 2010 wertete eine selbstverwaltete Ateliergemeinschaft das Gebäude für sich auf, nicht die einzige Künstlerinitiative auf der Insel. Ein Angel- und ein Wassersportverein haben hier ihren Vereinssitz und auch etwas Gewerbe hat sich angesiedelt. Neu sind Räume für modernes Co-Working dazugekommen. Eine kommerzielle Freizeitinfrastruktur fehlt allerdings noch: Gastronomie gibt es nur anlassbezogen, das Restaurant im einstigen Inselwärterhäuschen ist seit Jahren geschlossen und auch ein Rockmusikclub, der sich selbstironisch „JWD“ nannte, überlebte die Pandemiezeit nicht. Was Freizeitgewerbe betrifft, legt Eiswerder nochmal eine Runde Dornröschenschlaf ein.

Bei Spaziergängern ist die Insel dafür sehr beliebt. Neben der Kleinen Eiswerderbrücke, die von Osten auf die Insel führt, gibt es noch die markante Bogenbrücke im Westen, die Eiswerder mit Spandau verbindet. Hier spürt man, dass der Schlaf bald vorbei sein wird. Es entstehen mehrere geklinkerte Gebäude sowie ein 11-stöckiger Turm mit Eigentumswohnungen – direkter Wasserblick inklusive. Auch im Innern der Insel wird gebaut. Insgesamt entstehen über 100 neue Eigentumswohnungen, und die paar tausend Menschen und ziemlich viele Hunde, die schon auf der Insel wohnen, bekommen neue Nachbarn. Doch bis dahin ist Eiswerder noch ein Ort für Pioniere: Eine Havelbrise liegt in der Luft, Nebelkrähen und Wildgänse rufen, und während man um die Insel stromert, wird der Atem tiefer und der Schritt verlangsamt sich. Ganz klar: Eiswerder macht reif für die Insel.
 

Susann Sitzler

Information 
Die Insel Eiswerder in Berlin Spandau ist über zwei Straßenbrücken erreichbar – die Kleine Eiswerderbrücke von Osten und die Große Eiswerderbrücke von Westen. Mehrere Buslinien fahren in unmittelbare Nähe. Zu Fuß oder mit dem Rad gelangt man bequem von der Spandauer Neustadt über die Kleine Eiswerderbrücke auf die Insel

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