Mitten in Berlin erinnert ein sandfarbener Neubau an den lange vergessenen Ursprungsort der Stadt: Die ehemalige Petrikirche – einst Zentrum des mittelalterlichen Cölln – gibt dem neuen Zentrum für Archäologie seinen Namen. Direkt über ihren freigelegten Fundamenten lädt das „Petri“ heute ein, das verborgene Gedächtnis der Stadt zu entdecken
Berlin hat keine Altstadt – zumindest scheint es so, denn von den historischen Spuren der Entwicklung der Doppelstadt Berlin und Cölln ist fast nichts mehr erhalten. Krieg, Teilung sowie moderne Entwicklungen in Architektur und Städtebau haben dazu beigetragen, dass das Palimpsest der Berliner Altstadt nahezu vollständig überschrieben wurde.
Archäologie trifft Stadtplanung: Wie das Petri-Projekt entstand
Das „Planwerk Innenstadt“, ein grundlegender städtebaulicher Entwurf des Berliner Senats aus den 1990er-Jahren, wollte dem urbanistischen Gedächtnisverlust entgegenwirken und die Überformungen der Ost-Moderne im Stadtgrundriss revidieren.
Das Planwerk sah am Gründungsort von Cölln, der ehemaligen Petri-Kirche, einen gestalteten Stadtplatz mit Wohnbauten und Geschäften vor. Doch beim Bau der Fundamente für die geplanten Neubauten wurden Grundmauern einer Lateinschule aus dem 13. Jahrhundert sowie Gräber freigelegt – das Bebauungskonzept musste geändert werden. Die Funde sollen sichtbar bleiben, und ein „Haus für Archäologie“ soll den Ur-Berliner Platz markieren.
Das Planwerk ist insgesamt weitgehend gescheitert, vor allem, weil der Senat nicht bereit ist, die breiten Straßen zurückzubauen. Am nächsten kommt der Vorstellung einer „Stadt als dreidimensionales Gedächtnis“ nun der Neubau des „Petri“ genannten Zentrums für Archäologie, das bisher noch recht einsam am endlosen Verkehrsstrom der sechsspurigen Gertrauden-Straße steht. Für den Landesarchäologen Matthias Wemhoff geht mit dem sandfarbenen Neubau dennoch ein doppelter Lebenstraum in Erfüllung: Im Untergeschoss des „Petri“ sind die Mauerreste der Schule an der Petrikirche nun erhalten und neu inszeniert erlebbar. In den Etagen darüber befindet sich ein modernes „Labor“ der städtischen Archäologie, in dem Besucher den Archäologen bei der Arbeit zusehen und Teile der Bestände des Hauses wie in einem Schaudepot erleben können.
Geschichte zum Anfassen: Das Konzept des Archäologie-Zentrums
Bauherren des Petri-Neubaus waren die Staatlichen Museen und das Landesdenkmalamt. Die bewusst schmucklose Architektur stammt von einem der bekanntesten deutschen Architekten unserer Zeit: Florian Nagler aus München. Sein Name steht für umweltfreundliches Bauen – auch bei seinem Berliner Neubau setzte er auf Stahl statt Beton und massive Wände statt Polystyrol-Dämmplatten.
Wie bei den Nachbargebäuden verfügt auch das „Petri“ über einen Arkadengang im Erdgeschoss, durch den Fußgänger abseits der überbreiten Gertraudenstraße gehen können. Nagler ging 2012 als Sieger aus dem Architekturwettbewerb hervor – sein Entwurf überzeugte die Jury als Akt der „Stadtraumreparatur“.
Das fast 35 Millionen Euro teure Besucherzentrum soll Berlins Stadt-Geschichte „bewahren und präsentieren“, sagt Wemhoff. Die Fundamente der mittelalterlichen Lateinschule und der benachbarten Petrikirche bleiben freigelegt. Die Kirche war im Zweiten Weltkrieg beschädigt und wurde auf Wunsch von Walter Ulbricht 1964 abgerissen. Danach verkam das Gelände zu einem tristen Parkplatz.
„Petri Berlin“ bietet neben einsehbaren Arbeitsplätzen für Archäologen auch Raum für Ausstellungen und Veranstaltungen auf fünf Etagen. Die Stockwerke sind über einen Pfad mit großen Fenstern verbunden, die auf jeder Ebene Blicke in den Stadtraum ermöglichen und die Stadtentwicklung erlebbar machen.
Das massive Haus steht über fragilen Fundamentresten der einstigenkirchlichen Schule. Für Wemhoff, zugleich Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, ist der Ort die „Keimzelle der Stadt Cölln, die auf der Spreeinsel gegenüber der Stadt Berlin lag.“ Aus beiden im Mittelalter getrennten Siedlungen wurde im Laufe der Zeit die Stadt Berlin
Beim Betrieb des Petri-Gebäudes kooperiert sein Museum für Vor- und Frühgeschichte mit dem Landesdenkmalamt Berlin. Gemeinsam hatten sie ein pikantes Detail zu bewältigen: Bei den Grabungen wurden Skelett-Reste von vielen Menschen gefunden, die auf dem Friedhof der Petrikirche bestattet waren. In einem eigens entworfenen „Ossarium“, einem gemauerten Regal für die Knochen, werden die Gebeine von 475 Menschen nun pietätvoll im Neubau verwahrt. Von der Vergangenheit führt der Weg durch das Haus wie eine Wanderung von Etage zu Etage in die Gegenwart und Zukunft: En passant können Besucher zusehen, wie die Untersuchung, Reinigung, Restaurierung von Fundstücken im Haus vonstattengehen. Durch gläserne Wände hindurch können sie die Arbeit der Wissenschaftler in Schauwerkstätten verfolgen und in Schaumagazinen Artefakte bestaunen. Besucher können sogar selbst aktiv werden – etwa durch digitale Medien Scherbenpuzzle zusammensetzen.
Die Keimzelle der Stadt: Erinnern zwischen Straße und Spreeinsel
Der Rundgang gipfelt in einer Loggia mit Blick auf die Plattenbauten der Fischerinsel. Auf Liegestühlen liegend können Besucher des Petri so über die fragmentarische Natur der Stadt Berlin sinnieren.
In unmittelbarer Nachbarschaft soll eines Tages das „House of One“ entstehen – ein Bet- und Lehrhaus für Christen, Juden und Muslime, entworfen vom Berliner Architekturbüro Kühn Malvezzi. Anderthalb Meter über Straßenniveau wurde bereits ein Platz zwischen dem Besucherzentrum und dem „Haus des Einen“ gebaut, der beide Gebäude künftig zu einem Ensemble verbinden soll.
Im Boden eingelassene Glasscheiben bieten Blicke auf die wohl ältesten Mauerreste der Stadt.
Die historischen Schichten werden also durch Höhenunterschiede zwischen Stadt-, Gebäude- und Grabungsebene sichtbar gemacht. Die Gertraudenstraße, ein Kind der DDR-Verkehrsplanung der 1960er-Jahre, verhindert jedoch einstweilen, dass Berlins „Altstadt“ allzu pittoresk wird.
Information
Archäologie Lab „Petri“,
Gertraudenstr. 8 in Mitte
Di-Fr 9-17 Uhr, Sa-So 10-18 Uhr, Eintritt 6,- Euro