Das Comeback der Tischdecke deutete sich seit einiger Zeit an. Auf der „Ambiente“ in Frankfurt und dem „Salone del Mobile“ in Mailand wurde sie regelrecht gefeiert. „Die Vergangenheit begleitet uns in die Zukunft“ – ein Leitsatz der aktuellen Designtrends – gilt auch für die textile Tischkultur.
Neue Materialien prägen das Bild: Leinen mit Nesselanteilen, Fasern aus Flachs, recycelten Kunststoffen oder Textilfasern auf Algenbasis, mit denen etwa an der UdK Weissensee in Berlin experimentiert wird. Hinzu kommt ein stilistischer Gegenentwurf zum glatten Minimalismus der letzten Jahre: Stofflichkeit statt nackter Tischplatte, Faltenwurf statt frisch gebügelt, Weichheit statt Strenge. Weichheit und Struktur statt glatt und straff.
Wo sind sie nur geblieben, die Tischtücher der Vergangenheit?
Im Dielenschrank meiner Eltern stapeln sich gebügelte Tischtücher. Die meisten sind weiß, aus Leinen oder Baumwolle mit eingewebten Mustern oder Spitzenrändern. Mein Lieblingsstück ist riesig mit quadratischen Klöppelspitzensegmenten aus einem vergangenen Jahrhundert und schmückt gern einen großen länglichen Tisch. Wenn ich es hervorhole, sagt meine Mutter bis heute: „Du musst es mit 'Sie' ansprechen!“, was so viel bedeutet wie: nicht daran zerren und nicht für das Abendessen benutzen, sondern „auf Kante“ beiseitelegen. Es hat in der Tat schon viel erlebt und erzählt von seiner würdevollen Herkunft allein durch die unermessliche Zeit, die in seiner aufwändigen Handarbeit eingeschrieben ist. Es lässt bis heute den Raum in stiller Feierlichkeit aufleuchten.
Der Alltag hält wie in den meisten Haushalten Diverses bereit. Neben monochromen Leinendecken in gebrochenen Farbtönen von grau bis ozeanblau, orange und rosé gibt es originelle Massen- und feine Manufakturware. Baumwollenes mit Karos oder Blüten und einstige Rolltücher mit ihren charakteristischen beigeroten Streifen a la Provence sowie Platzsets – nicht nur von Ikea.
Eine weiße Tischdecke muss nicht mit strengen Tischsitten und hohem Pflegeaufwand verbundenen werden. Im Gedächtnis ist allerdings die resolute Geste Bild geworden, mit der ein kantenknittriges Tuch auf dem Tisch glattgestrichen wurde, wenn zum Nachbügeln die Zeit nicht reichte. Als ein Wohlfühlbild im Kopf, geradezu ein Klischee wiederum, lässt sich eine unbeschwerte Gesellschaft unter einem ausladenden Apfelbaum visionieren. Ein großer Tisch, viele Stühle, alte, neue, verwaschenes Blau,türkis, rot. Aber das Tischtuch weiß! Das unverwüstliche Stiletikett der Bohème.
Wo kommt es eigentlich her, das Tischtuch?
Der römische Dichter Martial beschreibt um das Jahr 100 n. Chr. ein Ereignis, das kulturhistorisch bedeutsam wurde: das erste literarisch belegte Tischtuch. Bis zu diesem Zeitpunkt zelebrierte die römische Aristokratie ihre Festlichkeiten an Tischen aus edlen Hölzern. Doch die Gelage wurden zunehmend turbulenter. Weil mit den Fingern gegessen wurde und die Gäste kleckerten und ihren Wein verschütteten, legte man schließlich ein Leinentuch über die edlen Platten zum Schutz. Und es diente zugleich mit seinen lang herabfallenden Säumen als Serviette. Das Tischtuch ist in seiner Geburtsstunde eine Schutzabdeckung. Dieser pragmatische Gedanke hält sich natürlich bis heute und gipfelte in abwischfesten Varianten. Etwa in Leinen, welches so präpariert ist, dass Flecken gar nicht erst ins Gewebe einziehen und Rotwein abperlt.
Tischsitten verändern sich
Tischsitten haben sich vervielfältigt, und das Tischtuch kehrt zurück. Nicht die steife weißen Damastdecke als Zeichen von Bürgerlichkeit und klassischer Eleganz. Struktur, Opulenz, Inszenierung, neue Webkunst und ökologische Innovationen bestimmen die Entwicklung: genügsame Pflanzen für robuste Fasern, wassersparende Färbeprozesse, Recycling- und Kreislaufwirtschaft.
Das Tischtuch, wird zum ultimativen Statement-Piece urbaner Lebensart. Da gibt es die aus England inspirierten übereinandergelegten Muster, den „Layering Look“ wie auch in der Mode. Blumen über Karos über Streifen in raffinierten oder schlichten Kompositionen, die Farbharmonien fein angestimmt oder akzentuiert, naturbelassenes Leinen in grober Webart spielt ganz oben mit, gewaschenes Leinen darf Falten werfen.
Bei den neuen Tischtüchern kommen dreidimensionale Webeffekte ins Spiel, an denen zukunftsweisend zum Beispiel im niederländischen Tillburg experimentiert wird.
Es wird großflächig und bunt, aber durch den Einfluss asiatischer Tischkunst auch gern blauweiß gedruckt. Die neuesten Tischtücher zeigen sich mit poetischen Stickereien, Paspeln und Spitzen am Saum. Der Bogen ist also weit gespannt bis hin zum „Javantgarde“-Trend, einer Symbiose aus japanischer Wabi-Sabi-Ästhetik und westlicher Avantgarde mit asymmetrischen Linien, breiten Farbblöcken oder organischen Tusche-Muster und der Akzeptanz des Unvollkommenen.
Tischtücher müssen nicht mehr den klassischen Zwanzig-Zentimeter-Überhang an den Seiten haben. Sie dürfen asymmetrisch liegen oder in langen Bahnen auf den Boden fließen. Auf der Mailänder Designwoche wurde Textil als Luxus inszeniert bis hin zur Tischbedeckung aus Felle allerdings als Show eines Felllabels. Farben leuchten in Bordeauxrot, strahlen sinnliche Wärme in Schokoladenbraun, Olivgrün oder Terrakotta aus.
In den letzten Jahren ging es im Zuge des Minimalismus um das Erleben des puren Materials. Tische aus massiver Eiche oder Sichtbeton sind bis heute ein Statement. Granit und Marmor galten als nobel und besetzen Lofts als elegante Kälteinsel für Menü und Gespräche. Ein Tischtuch galt als fehl am Platz. Doch die Liebe zum Textilen blieb: im DIY-Bereich, im Patchwork, im Storytelling. Heute gilt der Trend zum Tischtuch als „ersehnte Heimkehr der Haptik in eine Welt, die viel zu lange nackt und kalt sein wollte“. Und mehr noch: Die neuen Tischtextilien offerieren Weichheit und Fülle als sinnliche Qualität, wo Screens den Alltag dominieren. Textiles wirkt einladend warm und fördert mit seiner schallmindernden Fähigkeit Ruhe in einer Umgebung omnipräsenter Sounds.
Anita Wünschmann