Aus der Höhe gesehen

Patricia Deurer und Steffen Dieckmann auf dem sanierten Dach des Berliner Ostbahnhofs

Er ist der dienstälteste große Bahnhof Berlins, ein historisches Tor zum Osten und seit fast zwei Jahrhunderten ein Ort ständiger Bewegung und Veränderung. Als er 1842 unter dem Namen Frankfurter Bahnhof eröffnet wurde, ahnte niemand, wie viele Umbrüche ihm bevorstehen würden: vier Namenswechsel, Kriege, Teilung, Wiedervereinigung. Und doch blieb der Ostbahnhof immer ein zentraler Knotenpunkt der Stadt.
Seit letztem Jahr steht er erneut im Mittelpunkt. Das markante Glasdach, das über Jahrzehnte Wind, Wetter und Millionen Reisenden trotzte, wurde umfassend erneuert. Umbau und Sanierung im laufenden Betrieb waren technisch höchst anspruchsvoll, herausfordernd und längst überfällig. Heute wirkt der Bahnhof heller, offener, einladender; die Aufenthaltsqualität hat sich für täglich rund 100.000 Reisende spürbar verbessert.
Über das Großprojekt und über maßgeschneiderte Ingenieurlösungen wie den roten Brückenkran sprachen wir mit den Projektleitern der Deutschen Bahn, Patricia Deurer und Steffen Dieckmann.

Wie fühlt es sich an, an einem Bahnhof zu arbeiten, in dem sich täglich mehr Menschen aufhalten als in mancher Kleinstadt?

Patricia  Deurer: Erstaunlich abgeschirmt – trotz der Menschenmassen, die täglich durch den Bahnhof strömen. Dank unserer Logistik-Planung konnten wir den Großteil der Arbeiten auf einer oberhalb der Bahnsteige und Gleise errichteten Arbeits- und Schutzplattform verrichten, sodass vom regen Reiseverkehr kaum etwas zu spüren war. Gleichzeitig war es faszinierend, von oben zu beobachten, wie sich die Menschen auf den Bahnsteigen bewegen und wie dicht getaktet der Zugverkehr abläuft.

Hatten Sie zu Beginn eine klare Vision davon, wie der Ostbahnhof nach der Erneuerung wirken soll?

Patricia  Deurer: Die Planungen für die Erneuerung der Gleishallendächer begannen 2011. In mehreren Animationen wurden drei Varianten möglicher Glasdach-Formen simuliert: ein Austausch der Glaselemente innerhalb der bestehenden Silhouette der dreieckigen Schrägdächer, eine Lösung mit aufgesetzten segmentbogenförmigen Oberlichtern entlang der Dachwölbung sowie die Überlegung, das Dach in der historischen Form des ehemaligen Schlesischen Bahnhofs mit einer durchgehenden Verglasung entlang der Firste beider Hallen neu zu gestalten.
Um einen möglichst hellen, freundlichen Innenraum zu schaffen und zugleich nur minimal in die vorhandene Stahlkonstruktion einzugreifen, entschieden wir uns für die Variante mit den abgesetzten bogenförmigen Oberlichtern.

Die Glasflächen wurden komplett neu entwickelt. Wie gelingt so ein Eingriff im laufenden Betrieb?

Patricia  Deurer: Wie schon erwähnt, fanden die Bauarbeiten auf einer Arbeits- und Schutzplattform oberhalb der Bahnsteige und Gleise statt. Dadurch war es möglich, mit der sogenannten Schutzbrücke mit integriertem Hebezeug – unserem „roten Brückenkran“ – direkt oberhalb der Dachkonstruktion zu arbeiten, ohne den laufenden Bahnbetrieb wesentlich zu beeinträchtigen.

Blick auf das neue Dach und der Brückenkran in der Mitte
Blick vom Dach auf die Stadt

Der riesige rote Brückenkran wurde eigens für die Dacharbeiten konstruiert und avancierte schnell zum Star der Baustelle.

Steffen  Dieckmann: Die Schutzbrücke wurde von der Großprojektleitung der DB sukzessive bis zur Entwurfsplanung entwickelt und optimiert. Zahlreiche Expertenrunden und enge Abstimmungen mit den Verantwortlichen des DB Eisenbahnbetriebs waren notwendig, um die Genehmigung zu erhalten. Nach mehrmonatigen Testfahrten konnten wir Ende April 2022 in Betrieb gehen und die Hauptbauleistungen an den Hallendächern Anfang April 2025 abschließen. Im Mai 2025 wurde die Schutzbrücke planmäßig zurückgebaut. Damit haben wir in rund drei Jahren sämtliche wesentlichen Kranarbeiten unter „rollendem Rad“ in einer Sechs-Tage-Woche mit Zwei-Schichtbetrieb bewältigt. Bei einer konventionellen Baumethodik hätte sich die Bauzeit etwa verdoppelt. Die zusätzlichen Kosten für die Schutzbrücke haben sich somit klar ausgezahlt – zudem konnten drei Turmdrehkrane eingespart werden. Neben dem kundenfreundlichen Bauen möchten wir betonen, dass die Technologie trotz sehr vieler Sicherheitseinbauten stabil funktioniert hat und es während der gesamten Bauzeit zu keinen Unfällen oder Gefährdungen durch Kranarbeiten kam. Kurz gesagt: Es hat funktioniert.

Welchen Einfluss hat der Bau auf Ihr eigenes Verständnis von Architektur und Stadtplanung?

Patricia  Deurer: Es bestätigt mir, dass Bahnhöfe immer noch – und wieder – zentrale Punkte städtischen Lebens sind und Atmosphäre schaffen können. Konkret zeigt der Ostbahnhof für mich, wie stark ein sorgfältig wiederhergestelltes Stahlbauwerk der 20-er und 30er Jahre wirken kann: Er verbindet Alt und Neu auf eine Weise, die dem Stadtteil spürbar zugutekommt und die Bedeutung solcher Verkehrsbauten im urbanen Gefüge unterstreicht.

Was hat die neue Verglasung für die Aufenthaltsqualität der rund 100.000 täglichen Reisenden verändert?

Steffen  Dieckmann: Schon mit dem Freilegen des ersten Bautakts – also des ersten Drittels – gab es unmittelbar sehr positive Rückmeldungen von den vor Ort tätigen DB Mitarbeitern und natürlich von Reisenden. Der Lichteintrag ist im Vergleich zum früheren Drahtglas deutlich größer. Dieser Effekt: „Es wurde hell…“ hat sich nach dem Entfernen der letzten Gerüststange am 10. April 2025 noch einmal spürbar verstärkt, besonders an sonnigen Tagen. Die Bahnsteigbereiche wirken seither am Tag deutlich freundlicher.

Neues Blitzschutzsystem sorgt dafür, dass Blitze kontrolliert aufgefangen und über Ableitungen in die Erde geleitet werden, anstatt Schäden an der Tragkonstruktion, der elektrischen Infrastruktur oder den Anlagen des Bahnbetriebs zu verursachen
Taubenschutzgitter aus pulverbeschichtem Aluminium statt wie früher Stahlnetze

Wenn Sie heute durch die Hallen gehen: Welche Details fallen Ihnen auf, die die meisten gar nicht bemerken?

Steffen  Dieckmann: Die revisionierbaren Taubenschutzgitter aus pulverbeschichtetem Aluminium in den unteren Bereichen der Doppelbinder der größeren Halle Nord sind optisch sehr gelungen und zugleich funktional. Üblicherweise kommen dort Edelstahlnetze zum Einsatz, die jedoch nach einigen Jahren häufig verschmutzen oder in ihrer Form nachlassen. Die neue Lösung wirkt deutlich sauberer, langlebiger und fügt sich unauffällig in die Konstruktion ein.

Wenn Sie das Projekt noch einmal starten könnten, was würden Sie anders machen, würden Sie etwas anders machen?

Patricia  Deurer: Noch intensivere Bestandsuntersuchungen einzelner Bauteile und Bereiche bereits in der Planungsphase durchführen, um Überraschungen und Verzögerungen noch weiter zu minimieren.

Welcher Augenblick der Bauphase ist Ihnen persönlich besonders im Gedächtnis geblieben?

Patricia  Deurer: Zum einen die spannenden Momente, als der große rote Brückenkran unter den Augen vieler Interessierter aufgebaut wurde; zum anderen die bei Bestandsuntersuchungen ans Tageslicht gekommenen Bauteile aus den Vorgängerbauten.

Was hat Sie an diesem Projekt am meisten fasziniert – fachlich wie persönlich?

Patricia  Deurer: Dass wir aus einem in seiner historischen Grundkonstruktion soliden, aber optisch deutlich heruntergekommenen Gleishallen-Stahlbau wieder die hellen, freundlichen Hallen machen konnten, die sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts einmal gewesen sind – und mit diesem neuen Erscheinungsbild zugleich ein positives Signal für das Umfeld des Bahnhofs und dessen weitere Entwicklung setzen konnten.

Bahnsteig am Ostbahnhof nach der Erneuerung und Sanierung des historischen Glasdachs

Wie stellen Sie sich die Wirkung des Ostbahnhofs in zehn Jahren vor?

Patricia  Deurer: Wie schon angedeutet, hoffe ich, dass der Bahnhof ein Anziehungspunkt für die sich in der Umgebung entwickelnden neuen Projekte sein wird – ein Ort, der durch seine erneuerte Architektur, die Helligkeit der Hallen und die gestärkte Präsenz im Stadtteil Impulse setzt und die weitere Entwicklung des Umfelds positiv beeinflusst.

Sie haben während der Bauzeit die meistens in beträchtlicher Höhe gearbeitet. Nimmt man die Stadt aus dieser Perspektive irgendwann gelassener wahr?

Patricia  Deurer: Zumindest der Lärm ist oben ein anderer – für Bauleute fast wie Musik in den Ohren – und es ist immer wieder schön, den Blick über die Silhouette der Stadt schweifen zu lassen. Das beruhigt tatsächlich und schafft eine gewisse Gelassenheit.

Nach dem Ostbahnhof-Projekt: Welches Bauvorhaben steht für Sie jetzt im Mittelpunkt?

Patricia  Deurer, Steffen  Dieckmann: Natürlich bleibt der Ostbahnhof für uns so lange im Mittelpunkt, bis sämtliche Restarbeiten abgeschlossen sind. Parallel dazu fließen unsere Erfahrungen aber bereits in neue Vorhaben ein – etwa in die Erneuerung des alten S-Bahnhofs Schöneweide, wo sich Neubau und Denkmalschutz ergänzen werden, oder in das Projekt zur Modernisierung einzelner Teilbauteile am Hauptbahnhof Berlin.

Danke für das Gespräch.

Ina Hegenberger

Diesen Artikel teilen:

Mehr zum Thema »Stadt, Architektur, Bauen, Leben, Interviews«

Interview mit Daniel Herrmann von der Bauwert AG
Interview mit Berlins Baudirektorin Petra Kahlfeldt