Zwischen Tradition und Turbulezen

Union Berlin besiegt Atalanta Bergamo im IFA‑Testspiel am 05.08.2023 mit 4:1
Der 1. FC Union Berlin im Jahr 2026

Vor sechzig Jahren ließ die DDR‑Sportführung mehrere Fußballclubs neu gründen. Anlass waren das Scheitern der Nationalmannschaft in der WM‑Qualifikation 1966 und die Einführung der Bundesliga im Westen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, wurden die Fußballsektionen aus den Sportclubs herausgelöst und in eigenständige Clubs überführt. So sollte der sozialistische Fußball professionalisiert und auf westdeutsches Niveau gehoben werden. Zu den neu gegründeten Vereinen zählten der 1. FC Magdeburg, 1. FC Lokomotive Leipzig, FC Carl Zeiss Jena, 1. FC Union Berlin und der Berliner FC Dynamo. Sie waren als Leuchttürme eines modernen, leistungsorientierten DDR‑Fußballs gedacht.

Sechzig Jahre später ist von diesen ostdeutschen Fußballclubs der 1. FC Union Berlin derjenige, der am weitesten oben steht. Nicht, dass es sich dabei um Langzeitauswirkungen sozialistischer Sportplanung handeln würde … Nein, es sind die Kunst und das wirtschaftliche Vermögen, im Haifischbecken Bundesligafußball in den vergangenen Jahren bestehen zu können. Es ist die Beharrlichkeit eines Vereins, der nicht über seine Verhältnisse lebt, die Union Berlin in der Saison 2023/24 sogar bis zur Crème de la Crème des europäischen Fußballs – in die Champions League – führte.

Jetzt, zwei Jahre nach diesem Höhepunkt des Vereins und nach sechs Jahren Bundesligazugehörigkeit wird immer noch vor allem die erfolgreiche Gegenwart der Köpenicker gefeiert. Doch der ganz große Glanz ist momentan nicht vorhanden. Die Saison in der Champions League brachte den Verein auch ganz nah an den Bundesligaabstieg und führte zur Trennung vom Schweizer Trainerhelden Urs Fischer. Der hatte Union 2019 erst in die 1. Bundesliga und vier Jahre später eben als Krönung in die Champions League geführt.

Von dieser Trennung scheinen sich die Köpenicker noch nicht erholt zu haben. Seither dreht sich das Trainerkarussell, und jede Saison wird mehr oder weniger gegen den Abstieg gekämpft.

Von Januar 2025 bis April 2026 war Steffen Baumgart der Übungsleiter der Köpenicker Fußballer. Unioner durch und durch, trug er doch als Spieler, Mannschaftskapitän und Publikumsliebling das Union-Trikot von 2002 bis 2004.

Nach seinen Trainerstationen bei Paderborn, Köln und HSV kam er gefühlt schon etwas zu spät zu Union. So richtig vermochte er in seinen 15 Monaten als Trainer die Leistung seiner Schützlinge nicht zu beflügeln. Auch das wirtschaftliche Geschick der Vereinsführung aus den Jahren zuvor, mit der Tugend eines kleinen Vereins nämlich, Talente zu verpflichten, sie aufzubauen und teurer zu verkaufen, ist den Unionern abhandengekommen.

Nach einer schwachen Rückrunde in diesem Frühjahr trennte man sich nun Anfang April 2026 von Trainer Steffen Baumgart.

 

Marie-Louise Eta war Interimstrainerin der Profimannschaft von Union Berlin, womit sie zur ersten Cheftrainerin in der Bundesligageschichte der Männer wurde. Sie löste Anfang April Trainer Steffen Baumgart ab

Union wäre nicht Union, wenn er darüber kleinlaut würde. Und so schrieben die Köpenicker mit der Verpflichtung von Marie-Louise Eta deutsche Fußballgeschichte. Nie zuvor hatte es in der Bundesliga eine Cheftrainerin in einer Männermannschaft gegeben. Das öffentliche Interesse war in den vergangenen Wochen entsprechend riesig. Schon in der Spielzeit 2023/24 war Eta als Co-Trainerin in Bundesliga und Champions League kurze Zeit aktiv – aber eben nicht mit alleiniger Verantwortung. Das Intermezzo ist aber nur bis zum Saisonende geplant. Danach soll sie die Union-Auswahl in der Frauen-Bundesliga betreuen.

Die Frauenmannschaft des 1. FC Union Berlin hat in den letzten Jahren eine beeindruckende sportliche Entwicklung genommen, die durch Professionalisierung und den direkten Durchmarsch aus der Regionalliga in die 1. Bundesliga geprägt ist. Die Frauen bestanden dieses Jahr ihre erste Saison in der obersten deutschen Spielklasse. Das Team gehört nun fest zum Geschäftsbereich Profifußball des Vereins, trägt seine Heimspiele in der Alten Försterei aus und hat die höchsten Zuschauerzahlen im deutschen Vereinsfußball der Frauen – mehr als Bayern München.

Die Union-Männer konnten zwei Spieltage vor Saisonende den Verbleib in der höchsten deutschen Spielklasse des Fußballs für die kommende Saison sichern. Andere Vereine sind momentan noch schlechter und Union zehrte  von einem kleinen Punktepolster, das vom Beginn der Saison stammte, als man unter anderem Stuttgart und Eintracht Frankfurt besiegte und den Bayern zu Hause ein Unentschieden abtrotzte. Das war nach Niederlagen gegen die Letzten der aktuellen Tabelle in den letzten Wochen inzwischen allerdings kaum noch vorstellbar, und so wartet in der anstehenden Sommerpause emsiges Tun auf die Vereinsführung: Trainerfindung und Teamverstärkung sind unerlässlich, um kommende Stürme erfolgreich zu bestehen.

Doch Union wäre nicht Union, wenn man darüber schwächelt. Ob Stadionneubau mit Hilfe der Fans, das alljährliche, legendäre Weihnachtssingen oder andere ungewöhnliche Vereinsaktionen, wie das größte Wohnzimmer der Welt zur Fußball-WM 2014, bei der die Fans ihr Sofa ins Stadion brachten, um dort gemeinsam Public Viewing zu zelebrieren – der 1. FC Union Berlin ist im deutschen Profifußball außergewöhnlich. Er steht als Gegenentwurf zum modernen, durchkommerzialisierten Fußball und setzt stark auf Tradition, Zusammenhalt und echte, menschliche Nähe zu den Fans.

Steffen Dobrusskin

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