Wird der 1. FC Union Berlin der neue Bayern München?

Fußball

Mit Fußballvereinen ist es wie mit den Menschen im echten Leben. Es gibt Skandalnudeln, Gepamperte (hier ersetzen Konzerne und Mäzene Erbschaft und Eltern), Engagierte und graue Mäuse – und über allem thront ein Krösus. Im deutschen Fußball ist dies seit über 30 Jahren der FC Bayern München. Vereine sind menschengemacht und so gibt es auch immer einzelne Persönlichkeiten, die einen Verein in die Höhe führen und mit anderen beginnt der Niedergang. Der Erfolg der letzten Jahrzehnte von Bayern München war eng mit Uli Hoeneß verbunden. Olli Kahn als sein Nachfolger musste aber nach nicht mal drei Jahren das Handtuch werfen. Noch ist die sportliche Dominanz des FC Bayern München da. Aber bleibt das auch so?

Und was soll den 1. FC Union Berlin zum neuen FC Bayern machen, bitteschön? Schauen wir uns das doch einmal genauer an, was der Köpenicker Verein die letzten Jahre geleistet hat.

Seit dem Aufstieg der Unioner in die 1. Bundesliga zur Saison 2019/20 hat der Verein nichts mit dem sonst üblichen Kampf der Aufsteiger zu tun: sich gegen den Abstieg zu stemmen. In der Aufstiegssaison landeten sie als Elfter im Mittelfeld und in den drei letzten Jahren immer besser werdend auf Plätzen, die dann eine Teilnahme an internationalen Wettbewerben ermöglichten. Auch die Herausforderung der Doppelbelastung Bundesliga am Wochenende, international unter der Woche, meisterten die Köpenicker mit Bravour. Sie rissen international noch keine Bäume aus, verbesserten sich in der Bundesliga aber Jahr für Jahr weiter in der Platzierung nach oben. Jetzt sind sie als Vierter der abgelaufenen Saison spielberechtigt für die Champions League. Nach nur vier Jahren Zugehörigkeit zur 1. Bundesliga sich für die Champions League zu qualifizieren, ist die eine Spitzenleistung. Und sich dabei finanziell nicht zu übernehmen, wie andere.
Als der andere Berliner Verein Hertha BSC 2019 einen Investor an Land gezogen hatte, wurde dort gleich mal der Plan „Big City Club“ aus der Taufe gehoben. Es wurde nämlich als Manko für Berlin angesehen, dass aus der Hauptstadt keine Spitzenmannschaft kommt – wie in vielen anderen großen europäischen Ligen üblich. Hertha BSC stieg letzte Saison ab, Union spielt nächste Saison Champions League. Soviel zum Plan Big City Club. Die einen planen, die anderen machen.

Denn die Fernsehgelder für die Vereine der 1. und 2. Bundesliga werden mit einem Verteilschlüssel auch anhand der erreichten Platzierungen der letzten Jahre vergeben. So bekam Union in der Aufstiegssaison 2019/20 als 17. im Vereinsranking etwa 26 Mio. Euro (Bayern München: etwa 68 Mio. Euro). In der kommenden Saison, der Fünften für Union in der 1. Bundesliga, sind die Unioner mit knapp 68 Mio. Euro (Bayern München: mit etwa 95 Mio. Euro) schon auf Platz 6 im Ranking vorgerückt. Auch die Teilnahme an den europäischen Wettbewerben bringt Geld in die Vereinskassen. Mit der Champions League- Teilnahme nächste Saison erhält der 1.FC Union mit rund 15 Mio. Euro Antrittsgeld fast das Fünffache im Vergleich zu den anderen europäischen Wettbewerben.

Ein weiterer Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg eines Fußballvereins sind das Verhältnis von Ausgabe zu Einnahme bei den Transfers und die Löhne. Ein Plus an Transfererlösen bei den Spielern gilt gerade für kleinere Vereine als eine wichtige Einnahmequelle. Unbekanntere Spieler oder Spieler aus dem eigenen Nachwuchs werden „groß gemacht“, deren Marktwert erhöht und dann teuer verkauft. Sportlich bedeutet dies natürlich oft einen Verlust. Es zwingt die abgebenden Vereine zum permanenten Neuanfang und Alternativen-Suchen. Dieses Prozedere gelingt einigen der kleinen Vereine besser, anderen schlechter. Union hat auch dies in seinen vier Jahren Bundesligazugehörigkeit bisher sehr gut gemanagt. 

Wer sind aber nun die entscheidenden Köpfe von Union, die diesen Erfolg ermöglichen? Da ist zum einen Präsident Dirk Zingler, der mittlerweile seit fast 20 Jahren Präsident vom 1. FC Union Berlin ist. Er führte den Verein aus den Niederungen des Amateurfußballs zurück in den bezahlten Fußball und brachte im Vergleich zu seinen Vorgängern Seriosität und Verlässlichkeit in den Verein. Des Weiteren muss man Oliver Ruhnert nennen. Er koordiniert seit 2018 als Geschäftsführer Sport die sportlichen Ansprüche mit den finanziellen Möglichkeiten des Vereins. Ruhnert holte 2018 auch den Schweizer Trainer Urs Fischer an die Spree, der das Trio vervollständigt, welches maßgeblichen Anteil am sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg von Union hat. Fischer ist dabei jener „Zauberer“, der aus den anfangs bescheidenen finanziellen Voraussetzungen immer neue sportliche Erfolge mit seinem Team erreicht. Fischer ist mittlerweile seit fünf Jahren Trainer bei Union und damit der zweitdienstälteste Trainer in der 1. Bundesliga.

Diese ungewöhnliche Konstanz, die Seriosität im Wirtschaften und die Unaufgeregtheit der Vereinsführung im schnelllebigen und manchmal lauten Fußballgeschäft sind die Bausteine des Erfolges der Köpenicker. Der 1. FC Union zeigt mit seinem Weg, vier Jahre nach dem Aufstieg Champions League-Teilnehmer zu werden, dass es auch für kleine Vereine möglich ist, Großes zu erreichen. Wenn diese Konstanz anhält – und es gibt keinerlei Anzeichen, dass die Unioner übermütig werden ob der Champions League – können die Köpenicker in ein paar Jahren um die Meisterschaft mitspielen. Der FC Bayern kann sich schon mal warm machen.

Steffen Dobrusskin

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