Wer derzeit über den Breitscheidplatz blickt, dem fällt sie sofort ins Auge: die großflächige Verhüllung des Glockenturms der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die temporäre Werbeinstallation an einem der bekanntesten Berliner Wahrzeichen entstand unter außergewöhnlichen technischen und denkmalpflegerischen Voraussetzungen. Über die Umsetzung des Projekts, die langen Genehmigungswege und den Stellenwert von Werbeflächen im öffentlichen Raum sprachen wir mit Tobias Assies von der Limes Media GmbH.
Was war für Sie die größte technische Herausforderung bei der Verhüllung des Glockenturms?
Normalerweise bespannen wir ein planes Baugerüst mit einem Riesenposter. Dabei wird das Poster an den rundum gesetzten Ösen des Gerüsts verspannt. Beim Glockenturm, bei dem es sich um ein Sechseck handelt, ist die Montage deutlich aufwendiger. Das Poster muss aus statischen Gründen und aufgrund seines Eigengewichts in mehrere einzelne Teile aufgeteilt werden. Diese werden nicht plan gespannt, sondern über die jeweiligen Ecken des Baugerüsts geführt und sind dadurch einer hohen Belastung durch Scheuern ausgesetzt. Mit jeder Windböe bewegt sich das Poster um mehrere Zentimeter. Gleichzeitig dürfen die Unterbrechungen des Motivs nicht sichtbar sein. Deshalb mussten wir mit Reißverschlüssen und Überlappungen mittels Klettverschlüssen arbeiten, die millimetergenau gesetzt und verspannt werden, sodass sie für den Betrachter praktisch nicht wahrnehmbar sind.
Wie groß waren die Hürden, Werbung und Denkmalschutz an einem so markanten Ort zusammenzubringen und alle Vorgaben zu erfüllen?
Die Hürden waren riesig. Der Glockenturm steht nicht nur neben der denkmalgeschützten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, sondern ist auch Teil eines Denkmalensembles. Dadurch ist Werbung, selbst wenn sie nur temporär angebracht wird, unter Berücksichtigung der Berliner Bauordnung nur in sehr engen Grenzen oder gar nicht möglich. Die nun am Glockenturm sichtbare Lösung ist das Ergebnis eines über ein Jahr andauernden Abstimmungs- und Verhandlungsprozesses mit dem Bezirksamt, dem Landesdenkmalamt und der Unteren Denkmalschutzbehörde – und zugleich ein Kompromiss, der allen Beteiligten gerecht werden musste.
Was sind Ihre internationalen Vorbilder, wenn es um großflächige Werbung an Gebäuden geht?
Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll: Spanien, Italien, Frankreich, England. Das europäische Ausland ist uns insgesamt viele Schritte voraus, wenn es um die Integration und den Umgang mit Werbung an Baugerüsten geht. Auch bei der Einbindung digitaler Lösungen ist Deutschland eher Schlusslicht als Vorreiter. Ob allerdings der Times Square in New York oder der Piccadilly Circus in London das Maß aller Dinge sind, wage ich zu bezweifeln.
In Berlin gab es das Volksbegehren „Berlin Werbefrei“, das ein weitreichendes Verbot großflächiger Außenwerbung forderte und schließlich deutlich gescheitert ist. Wie haben Sie dieses Ergebnis für Ihre Arbeit und für die Branche eingeordnet?
Nun, im Vorfeld hat dieses Volksbegehren natürlich für einige Unruhe und Unsicherheit gesorgt. Im Nachhinein lässt sich sagen, dass sich offenbar deutlich weniger Menschen von Werbung gestört fühlen, als es die Initiative vermittelt hat. Offensichtlich stößt sich der weitaus größere Teil der Bevölkerung nicht an Werbung im öffentlichen Raum und hält andere Herausforderungen unserer Gesellschaft für wichtiger. In einem Satz: Die Vernunft hat hier offenbar gesiegt.
Wenn Sie Berlin mit Städten wie New York oder Tokio vergleichen, in denen Werbung sichtbares Element des Stadtbilds ist: Wo sehen Sie für Berlin Grenzen – und wo vielleicht ungenutztes Potenzial?
New York habe ich eben bereits selbst als Beispiel genannt. Wenn wir nun auch noch Tokio hinzunehmen, muss ich sagen, dass selbst mir das zu viel des Guten wäre. Auch die gefühlte Mitte zwischen Berlin und Tokio halte ich noch für zu viel. Ein Drittel davon wäre eher mein Wunsch. Da wir speziell aus dem Bereich der Baugerüstwerbung kommen, liegt das ungenutzte Potenzial aus meiner Sicht vor allem bei öffentlichen Baustellen, deren Neubau oder Sanierung aus Landes- oder Bundesmitteln finanziert wird und die konsequent nicht auf Mittel der Werbewirtschaft zurückgreifen. Hier ließen sich erhebliche Summen einsparen, die wiederum Bildung oder Kultur zugutekommen könnten.
Müssen die Werbemotive an der Gedächtniskirche von Kirche und Bezirk genehmigt werden?
Grundsätzlich ist in unseren Verträgen mit den Eigentümern, so auch mit der Gedächtniskirche, festgelegt, dass wir ausschließlich Motive aushängen, die den Vorgaben des Deutschen Werberats entsprechen. Darüber hinaus müssen wir jedes Motiv der Kirche und dem Bezirk zur Freigabe vorlegen. Die Verhüllung des Turms ist ein außergewöhnliches Projekt, sowohl technisch als auch vom Standort her.
Ist das für Ihr Unternehmen eher eine Ausnahme – oder planen Sie künftig weitere vergleichbare Umsetzungen an prominenten Orten?
Im Rahmen unserer über 30-jährigen Tätigkeit sind wir in der komfortablen Position, bereits auf zahlreiche spektakuläre Umsetzungen zurückblicken zu können. Dazu zählen die Verhüllung des Commerzbank-Towers in Frankfurt zur Fußball-Weltmeisterschaft, die Verhüllung des Bettenhauses der Charité mit einer Fläche von über 4.500 Quadratmetern, die komplette Vermarktung des Neubaus des Stadtschlosses am Berliner Schlossplatz sowie die Verhüllung des Praters in Wien. Und ja, natürlich planen wir auch weitere spektakuläre Umsetzungen …
Sie planen im Oktober auch ein Mural an einer Wand der Uhlandstraße. Was können wir darunter verstehen – handelt es sich um eine künstlerische Ergänzung, eine weitere temporäre Werbefläche oder ein eigenes Format? Und erleben Sie, dass solche großflächigen Murals im Stadtraum zunehmend nachgefragt werden?
Wir erleben seit einigen Jahren eine steigende Nachfrage nach der kreativen Nutzung von Brandwänden. Konkret werden klassische Werbekampagnen dafür teilweise angepasst und individualisiert, um auf das jeweilige Gebäude und dessen Umfeld einzugehen. Anschließend werden die Motive von Hand aufgetragen, also gemalt oder gesprayt. Insofern handelt es sich nicht nur um Handwerk, sondern natürlich auch um eine temporäre Werbefläche. In dieser Kombination haben sich Murals inzwischen zu einem eigenständigen Werbeformat entwickelt. Wir sind stolz darauf, am 1. Oktober das erste und bislang größte genehmigte Mural Berlins umgesetzt zu haben.
Danke für das Gespräch.