Symboliken des Lebens

Caspar David Friedrich, Lebensstufen, um 1834, Öl auf Leinwand, 73 x 94 cm
Caspar David Friedrich zum 250. Geburtstag

Anlässlich des 250. Geburtstages von Caspar David Friedrich zeigt die Alte Nationalgalerie die bislang umfassendste  Ausstellung zum Werk des „romantischsten aller deutschen Maler“

Wenn wir heute von Romantik reden, wovon reden wir da eigentlich? Doch eher von einem romantischen Ambiente, einem romantischen Date, einer Romanze eben, in Erwartung einer besonderen Stimmung, angenehmer Gefühle, glücksbringender Überraschungen. Wohl kaum aber beispielsweise von der Suche nach der blauen Blume, die Novalis zum romantischen Symbol machte, also von der Zeit der Romantik zwischen Ende des 17. Jahrhunderts bis weit in das 18. Jahrhundert hinein. Doch dass die Ursprünge alles Romantischen, das bis heute unsere Gedanken- und Gefühlswelt prägt, weit mehr sind als die sprichwörtlichen verbalen Überbleibsel, offenbart sich einmal mehr in der aktuellen Ausstellung „Caspar David Friedrich. Unendliche Landschaften“ in der Alten Nationalgalerie anlässlich des 250. Geburtstages des bekanntesten Malers der deutschen Romantik.

Zu sehen sind über 60 Gemälde sowie viele Graphiken und Zeichnungen in der umfassendsten Ausstellung seit der legendären „Deutschen Jahrhundertausstellung“ 1906 in Berlin, die Caspar David Friedrich damals erst wiederentdeckt hatte, nachdem er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten war. Mit der aktuellen Ausstellung stellt sich auch die Frage nach dem Erbe der Romantik heute. So lassen vor allem die berühmten Ikonen, wie beispielsweise der „Mönch am Meer“, das radikalste Bild des Malers von 1909/10, heute Raum für ganz neue Interpretationen zu. Zumal auch Friedrich selbst seine Bilder nicht erklärte, es vielleicht auch nicht wollte. Deshalb hilft die Darstellung von Werkprozess und Maltechnik in der Ausstellung, Friedrichs Kunst zwischen genauem Naturstudium und gedanklicher Sehnsuchtsvorstellung besser zu verstehen. Denn kein Bild von ihm zeigt eine Landschaft, Meer, einen Baum, Gebirge oder Wolken immer genau dort, wo er sie als Motive entdeckt hatte. Unterwegs auf seinen

Wanderungen skizziert, setzte er nach seinen Vorstellungen und Stimmungslagen die Motive erst in seinem Atelier zu den Bildikonen zusammen, die heute so faszinieren. Auch nutzte er Bilder anderer Künstler als Vorlagen, um beispielsweise Berge in den Alpen realistisch darzustellen, denn in den Alpen war er persönlich nie. Keine seiner gemalten Landschaften existierten wirklich in Gänze. Realistisch wirkende Bilder waren ihm wichtig, ihre Stimmungen und ihre religiöse Symbolik aber offenbar wichtiger, ob bewusst oder unbewusst, ob als „Wanderer“ oder „Mönch“, mit denen wir, die Betrachtenden, mit Ehrfurcht und Ergriffenheit, vielleicht versunken und nachdenklich, in die Unendlichkeit von Raum und Zeit blicken sollen. Woraus allerdings seine großartigen Sehnsuchtslandschaften, aufgeladen mit religiösem Pathos, erwachsen sind, die bis heute unsere Gedanken und Empfindungen anregen, verwundert dann doch angesichts seines fast unspektakulären Lebensweges.

Nach seinem Studium an der Kunstakademie in Kopenhagen geht er 1798 nach Dresden, gerät aber nach wenigen Jahren in eine schwere Lebenskrise. Erst 1805 hat er einen ersten Malerfolg und gewinnt einen Preis bei einem von Goethe initiierten Malwettbewerb. In Goethe, den er bewundert, hat er allerdings keinen Förderer. Erst in der Berliner Akademieausstellung von 1810 kommt mit den beiden Hauptwerken „Mönch am Meer“ und „Abtei im Eichwald“, die vom preußischen König erworben werden, sein Durchbruch. In Berlin findet er die Bewunderer und Förderer, die nach seinem Tod ausbleiben, darunter Philosophen, Verleger, Kunstsammler und Dichter, allen voran Heinrich von Kleist. Zwischen 1810 und 1834 kann er viele seiner Werke in den Akademieausstellungen präsentieren.

Caspar David Friedrich, Kreidefelsen auf Rügen, 1818/1819

Berlin ist für Caspar David Friedrichs Erfolg zwar von großer Bedeutung, doch Dresden ist sein Lebensmittelpunkt. Von da aus macht er Reisen in seine Heimatstadt Greifswald, nach Neubrandenburg, zur Insel Rügen, nach Böhmen, in die Sächsische Schweiz, ins Riesengebirge und in den Harz. Weiter treibt es ihn nicht, wie etliche seiner Malerkollegen, für die Italien ein Sehnsuchts- und Erweckungsort ist. Stattdessen unternimmt er ausgedehnte Wanderungen ans Meer und ins Gebirge, in die Natur, die zum Hauptgegenstand seiner Bilder wird. Ab 1807 entstehen seine ersten Ölbilder. 1808 stirbt seine Schwester Dorothea, die nach dem frühen Tod seiner Mutter für ihn Muttersatz war, ein Jahr später stirbt sein Vater. Die Verluste treffen den Maler hart und die Trauer findet im Bilderpaar „Der Mönch am Meer“ und „Abtei im Eichwald“ ihren künstlerischen Ausdruck.

Politisch feiert er mit seinen Dresdner Malerkollegen und Freunden, zu denen auch Heinrich von Kleist, Ernst Moritz Arndt und Theodor Körner gehören, euphorisch die Befreiungskriege und die nationale Aufbruchstimmung, ist aber enttäuscht von den Restaurationsbestrebungen:

„ … solange wir Fürstenknechte bleiben, wird auch nie etwas Großes der Art geschehen. Wo das Volk keine Stimme hat, wird dem Volk auch nicht erlaubt, sich zu fühlen und zu ehren.“ 1810 wird er Mitglied der Berliner Akademie, 1816 als Mitglied in die Dresdner Akademie aufgenommen und 1824 dort zum Professor ernannt, allerdings ohne offizielle Lehrerlaubnis.

Caspar David Friedrich, Selbstbildnis, um 1810, Graue Kreide, auf Papier, 22,9 x 18,2 cm

Nach seinem Tod, er stirbt 1840 im Alter von 65 Jahren in Dresden, wird Caspar David Friedrich  nahezu vergessen, wie auch die romantischen Ideale und Vorstellungen im Ausklingen der Spätromantik von Vormärz, Biedermeier und Realismus nach und nach verdrängt werden. Seine Hauptwerke, „Der Kreidefelsen auf Rügen“ und „Der Wanderer über dem Nebelmeer“, finden in der Öffentlichkeit erst 100 Jahre nach ihrer Entstehung wieder Beachtung, gelangen dann aber schnell in den Bilderkanon der Kunstgeschichte. Dass er zu Lebzeiten nicht die große Wertschätzung erfahren hat, verwundert indes, denn als wichtigster Maler und Vertreter einer Epoche, der wir uns heute wieder verbunden fühlen, wird er schließlich längst gefeiert. „Die Bilder sind aber offensichtlich auch ideale Projektionsflächen. Sie sind Ikonen dessen, von dem wir gern hätten, dass die Romantik es gewesen wäre, mutmaßt der Publizist Hans von Trotha. Das kritisch zu überprüfen, macht die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie gekonnt möglich.

Reinhard Wahren

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