Zu radikal, zu modern!

Edvard Munch Die Sonne, 1910–1913
Ausstellung Edvard Munch in Berlin und Potsdam

In zwei Museen eröffneten in diesem Winter ihre großen Schauen des norwegischen Symbolisten Edvard Munch, der zu den wichtigsten Wegbereitern der Moderne gehört. Während in der Ausstellung „Edvard Munch. Zauber des Nordens“ der Berlinischen Galerie Munchs Berliner Jahre im Fokus standen, thematisiert die Ausstellung „Munch. Lebenslandschaft“ im Potsdamer Museum Barberini Munchs Naturauffassung als Spiegel der eigenen Seelenzustände

Als Edvard Munch 1892 auf Einladung des Vereins Berliner Künstler mit einer Einzelausstellung nach Berlin kommt, hätte das für den jungen norwegischen Maler bereits der Auftakt für eine große Malerkariere sein können. Denn die Reichshauptstadt hatte den Norden Europas Ende des 19. Jahrhunderts zum magischen Sehnsuchtsort erklärt. Die Faszination für alles Nordische erstreckte sich auch auf Kunst, Literatur und Theater. Doch seine Ausstellung mit 55 Gemälden im Architektenhaus in der Wilhelmstraße am 5. November löst stattdessen einen Skandal aus. Munchs Bilder sprengen alles Romantische. Sie werden als fremd, abstoßend, zu extrem empfunden. So hatte man sich den Zauber des Nordens nicht vorgestellt. Die konservativen Vereinsmitglieder sorgen dafür, dass die Ausstellung wieder abgebaut wird. Edvard Munch nimmt es gelassen: “Das ist übrigens das Beste, was passieren kann, bessere Reklame kann ich gar nicht haben.“ Doch Berlin lässt den Maler nicht mehr los. Zu Beginn jahrelang, dann sporadisch, hält er sich immer wieder in der Stadt auf, bis er erst 1909 dauerhaft nach Norwegen zieht. Seine Stammlokale in Berlin sind das Café Bauer und die Weinstube „Zum schwarzen Ferkel“ Unter den Linden, in der Literaten und Künstler, unter anderen auch August Strindberg, verkehren. Er organisiert eigene Ausstellungen und versucht, über die Berliner Secession seine Bilder auszustellen. Als deren Mitglied lernt er 1904 den Verleger Bruno Cassirer und den Kunsthändler Paul Cassierer kennen, die ihn fördern. Max Reinhardt gewinnt ihn für die Mitarbeit am Bühnenbild zu Ibsens „Gespenster“, doch die erste offizielle Würdigung erfährt er erst 1908 in Norwegen: Die Nationalgalerie in Kristiania erwirbt wichtige Werke des Künstlers und ihm wird der Königlich Norwegische Sankt-Olav-Orden verliehen. Das täuscht allerdings darüber hinweg, dass bis dahin im allgemeinen Kunstverständnis, auch in Berlin, Munchs symbolistische Malerei nur wenig Verständnis fand. Erst 1913 kommt für Munch der Durchbruch. In der Berliner Secession wird sein monumentaler Fries für die Aula der Universität in Kristiania begeistert aufgenommen. Schließlich wird Munch 1923 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und bekommt 1927 seine bis dahin größte Einzelausstellung. Mit 244 Werken feiert ihn die Berliner Nationalgalerie im Kronprinzenpalais, danach wird die Ausstellung auch in der Nationalgalerie Oslo gezeigt.

Edvard Munch Der gelbe Baumstamm, 1912

Munchs Bildwelten beeinflussten nicht nur die Generation der Expressionisten, sondern veränderten auch die romantisierenden Vorstellungen vom Norden. Der damals avantgardistische Stil seiner Bilder war farbgewaltig, melancholisch, zeitlos - mit Themen, wie Liebe, Eifersucht, Wahnsinn, Angst, Tod und immer wieder die Natur. Was Wunder, wenn mit und durch ihn in Berlin die Moderne begann. Die Stadt mit ihren intellektuellen Kreisen   bot ihm das ideale Klima für seinen künstlerischen Durchbruch. Unter anderen pflegte er auch Kontakte zu Mäzenen wie Harry Graf Kessler und Walther Rathenau, die sich von ihm porträtieren ließen.

So zeigt die Ausstellung „Edvard Munch. Zauber des Nordens“ in der Berlinischen Galerie eindrucksvoll, welchen Einfluss Edvard Munch speziell auf die Berliner Kunstszene hatte. Mit 90 Werken aus Malerei, Grafik und Fotografie spiegelt sie sein besonderes Verhältnis zu Berlin wider. Wie viele Gemälde und Druckgrafiken in Berlin entstanden sind, kann allerdings kaum festgestellt werden, zu unstet war Munchs Leben zwischen Berlin, Paris, seiner Heimat Norwegen, Italien und Deutschland.

Edvard Munch Selbstbildnis vor der Hauswand in Ekely, 1926

Parallel zur Ausstellung in der Berlinischen Galerie zeigt das Museum Barberini in Potsdam, welch wichtige Rolle die Natur in den Werken Edvard Munchs spielt. Die Ausstellung „Munch. Lebenslandschaft“ hat sogar den Anspruch, sein Werk „als Resonanzraum der Klimakrise“ erschließen zu wollen. Sicherlich bekommen seine dramatischen Naturgemälde vor dem Hintergrund der aktuellen Klimakrise eine gewisse Gegenwartsnähe, doch Munchs Naturverständnis lässt sich nur in Verbindung mit den geistigen Strömungen seiner Zeit, seinen eigenen Lebenswelten und seinen Lebenskrisen verstehen. Jahrelang ist er von Alkoholexzessen gezeichnet, leidet an Stimmungsschwankungen, Halluzinationen und Verfolgungswahn, bis er 1908 einen Nervenzusammenbruch erleidet. Sein anfälliger Gesundheitszustand zwingt in immer wieder zu Aufenthalten in Kliniken und Sanatorien. Insofern spiegelt sich in den Natur- und Landschaftsbildern des hochsensiblen Künstlers auch seine eigene seelische Zerrissenheit wider. So verschmelzen in seinen Naturbildern Menschenschicksale und Landschaften zu „Lebenslandschaften“. Die Ausstellung im Museum Barberini zeigt 90 Werke von internationalen Leigebern.

Reinhard Wahren

Information
Munch. Lebenslandschaft
18. November 2023 bis 1. April 2024
Museum Barberini Potsdam
Humboldtstr. 5 – 6, Alter Markt 14467 Potsdam

Diesen Artikel teilen:

Mehr zum Thema »Kultur, Ausstellungen«

Das neue Tour-Programm feiert die Freundschaft
Wie ist es, heute erwachsen zu werden?
Hin und weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart
Caspar David Friedrich zum 250. Geburtstag
Werkbundarchiv am neuen Standort
Caspar-David-Friedrich-Jahr