Die Sofaecke – kein Leben ohne Wohnen

Serie P2

Mit der Ausstellung „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ im Potsdamer Kunsthaus Minsk eröffnet sich im 35. Jahr der Deutschen Einheit eine vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Erbe realsozialistischer Wohnutopien – eine Begegnung mit den Ideen, Brüchen und Widersprüchen, die das Leben im Plattenbau prägten.

An der Wand steht ein Sofa mit kantigen Seitenlehnen, gegenüber ein blauer Sessel. Daneben eine Mid-Century-Lampe, eine großblättrige Zimmerpflanze und ein gelbgemusterter Teppich. Lag der Teppich schon immer so? Oder setzt er bewusst einen farblichen Kontrapunkt zur feinen zeichnerischen Arbeit, mit der Sabine Moritz ihre Erinnerungen an die Kindheitswohnung festgehalten hat – mit Bleistift, Acryl und Buntstiften? Das Werk Wohnzimmer 1992 ist Teil ihrer achtzehn Blätter umfassenden Serie Jena-Lobeda. Die 1969 in Quedlinburg geborene und heute in Köln lebende Künstlerin verbrachte acht Jahre in einer der bekanntesten – und zugleich umstrittensten – Großsiedlungen am Rand der thüringischen Stadt Jena, Zentrum der Optik- und Feintechnikindustrie.
Woran sie sich erinnert, ist vielschichtig: die H-förmige Struktur der ineinander verschachtelten Wohnriegel, betrachtet aus der Vogelperspektive. Dazu die Parzelle eines Schrebergärtchens, die bildsprengenden Proportionen wie auch die schiere Unendlichkeit der Fensterfronten. Moritz’ Zeichnungen sind keine nostalgischen Rückblicke, sondern präzise Beobachtungen einer gebauten Realität – zwischen Alltag, Architektur und Erinnerung.

Zweiundzwanzig Künstler unterschiedlicher Generationen und Stilrichtungen aus Ost und West zeigen in der Ausstellung ihre individuellen Perspektiven auf das Wohnen im Plattenbau. Darunter finden sich bekannte Namen wie Ruth Wolf-Rehfeldt (1932-2024), die mit ihren konstruktiven Schriftblättern Maßstäbe gesetzt hat  sowie der japanische Fotograf Seiichi Furuya (geb. 1950). In rund fünfzig Arbeiten setzen sie sich mit persönlichen Erinnerungen, gesellschaftlichen Erfahrungen und den architektonischen wie sozialen Veränderungen auseinander, die Plattenbausiedlungen seit ihrer Entstehung durchlaufen haben.
Die Ausstellung ermutigt dazu, sich mit den eigenen Prägungen auseinanderzusetzen. Sie öffnet Räume für Erinnerung und Reflexion – über das Wohnen, über Kindheit, über die persönliche Geschichte. Wie wollte man leben, wie will man heute wohnen? Welche Träume und Vorstellungen waren damit verbunden, und welche finanziellen Realitäten standen ihnen gegenüber? Welche Versprechen wurden gemacht – und welche blieben unerfüllt?

Sybille Bergemanns Fotoserie Das Wohnzimmer (1974–1981) gilt als stilprägend für ihre dokumentarische Ästhetik und zeigt mit nüchternem Realismus, wie Menschen sich in den standardisierten Grundrissen der frühen Plattenbauserie P2 in Berlin-Lichtenberg eingerichtet haben. Die fotografierten Räume sind klein, der Spielraum begrenzt – und doch individuell geprägt: ein Biedermeierschrank hier, ein Bücherregal dort, ein Netzkinderbett im Vordergrund, eine Bordürenlampe oder eine bauhausinspirierte Hängeleuchte. Bergemann richtet ihren Blick aus der Perspektive eines Guckkastens auf die damaligen Kleinwohnungen. Was damals als pragmatische Wohnlösung galt, ist heute Teil eines globalen Trends: Miniwohnungen und modulare Einrichtungskonzepte sind längst ein zentrales Thema urbaner Lebensgestaltung. Möbelhäuser wie Ikea bieten weltweit standardisierte Lösungen für kleine Räume – erschwinglich, funktional und oft mit dem Anspruch, Individualität zu ermöglichen.

Ein bereits zur Zeit seiner Entstehung im Jahr 1986 berührendes Gemälde schuf Kurt Dornis: Zweite Schicht. Es wirkt auf den ersten Blick eindeutig, doch lässt es viele Fragen offen. Eine Frau ist beengt ins Bild gesetzt. Sie macht sich in der Küche zu schaffen. Die Durchreiche – seit den Siebzigerjahren ein Grundakkord modernen Wohnens, ein erstes Öffnen der Küche – verbindet sie mit dem Betrachter, der sich, bevor er über die bis heute verbreiteten Geschlechterrollen nachzudenken angeregt wird, visuell das Interieur abtastet: die Durchreiche, dann die Spüle, der Herd, eine schmale Küchenplatte. Darauf stehen eine schlichte weiße Teekanne und ein grünes Glas. Im Wohnzimmer steht ein runder Esstisch samt Blumendekordecke und Keramikkrug mit rosa getupften Blüten.

Was man landläufig seit der Wende „Platte“ nennt – oft abwertend, mitunter berlinerisch knapp und schnoddrig – war einst die Neubauwohnung: die in Serie produzierte Wohneinheit. Oder besser: die durchaus verschiedenen Wohneinheiten, deren Ursprung mit dem Typ P2 in den frühen Sechzigerjahren liegt und die später, prominent vertreten durch die WBS70 mit differenzierteren Grundrissen, erweitert wurden.

Eine Neubauwohnung versprach: warmes Wasser aus der Wand, Zentralheizung, große Fenster, weiträumige Höfe, erste junge Bäume. Dienstleister von der Krippe bis zur Kaufhalle und zur Schule lagen praktisch ums Eck. Parkplätze gab es en masse, dazu Promenadenwege, Ringstraßen – und, ja, viel zu kühles Licht.

Die Neubauwohnung war begehrt. Wohnkomplexe entstanden und umgürtelten bald jede Stadt. Das Wohnungsbauprogramm, als „Herzstück des sozialen Wohnungsbaus“ deklariert, wurde zügig vorangetrieben – samt Technologieentwicklung zur industriell vorgefertigten Massenproduktion. Doch unter dem Druck des Ökonomischen verlor sich die Utopie. Städtebauliches Ideal und gebaute Realität klafften auseinander.

Die Wohnungsnot – ein Ost-und-West-Wort aus den späten Sechzigern – ist längst wieder in der Gegenwart explodierender Mieten angekommen. In der DDR sollte die Wohnungsfrage bis Ende der Achtziger gelöst sein. Dann kam die Wende.

Die Großsiedlungen erfuhren einen tiefgreifenden sozialen Umbruch: Bewohnerwechsel, Entfremdung, Leerstand. Abriss folgte – „Rückbau“ genannt. Viele der einst begehrten Wohnkomplexe wurden in den Neunzigerjahren zu sozialen Brennpunkten. Es kam zu rassistischen Ausschreitungen, etwa in Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda. Auch davon erzählt die Ausstellung – etwa mit der seriellen Arbeit „Spaziergang“ des in London lebenden Künstlers Stephen Willats, geb. 1943. Nach eigenem Erleben in Marzahn verknüpft er fiktive Warnzeichen, wie Wegmarken, mit fotografischen Dokumenten – etwa einem Hakenkreuz auf blauem Kreis vor einem Postamt. Oder mit Triangular Stories (2012) von Henrike Neumann, die in zwei Dreiecksformen diametral entgegengesetzte Lebenswelten der Neunzigerjahre nachstellt. Eine davon zeigt: frisch gebackener Gugelhupf, daneben ein Baseballschläger und eine Reichsflagge. Es sind Insignien der sogenannten Baseballschlägerjahre – hier als Requisiten inszeniert, wie sie laut einem Foto in der einstigen Wohnung des rechtsextremen NSU-Trios in Thüringen hätten gefunden werden können.

Doch die Platte erfährt neue Akzeptanz. Die Außenbezirke werden mit Farbe, Sanierung und neuen Grundrissen aufgewertet – ein Comeback, ein Relaunch. Bezahlbare Mieten sind das A und O. Kito Vido, Gastkurator am Minsk, begleitet diesen Prozess mit einer in sieben Themen gegliederten Ausstellung. Mit ausgewählten Werken – von Malerei über Installationen bis hin zur Fotografie – zeigt er die Entwicklung des Resonanzraums selbst, der den Massenwohnungsbau von Anfang an bis heute umschwingt. Die künstlerisch beackerte Landkarte reicht dabei von Leipzig-Grünau, Jena-Lobeda und Halle-Neustadt über Berlin-Marzahn und Berlin-Lichtenberg bis nach Rostock, Schwedt und Neubrandenburg.

Berlin Ost, 1987
Hausfassade, 1974

Kein Leben ohne Wohnen, ohne 
Geschichten, ohne den Alltag. 
Doch wie lebte es sich in den hastig errichteten neuen Stadtgebieten?

Der Hallenser Maler Uwe Pfeifer hat zwischen 1972 und 1973 gleich sieben Gemälde geschaffen – man könnte sagen: eine protokollarische Annäherung an die Anfänge von Halle-Neustadt. Doch mehr noch: Er hat Stimmungen eingefangen, das Widersprüchliche sichtbar gemacht. Etwa das romantische Sehnen im Bild Morgennebel, verbunden mit dem kühlen Pinselstrich der Neuen Sachlichkeit. Warme, bunte Lichtquadrate leuchten aus einer Quaderwelt, die noch nackt und neu wirkt. Darüber scheint ein Vollmond. Eine Schnur aufgefädelter Ostseesteine – bis heute beliebtes Sammelgut – spricht beredt von Alter, von Naturschönheit, von Rundungen im Kontrast zum allzu profan Kantigen.

Auch das bereits damals aufrüttelnde Bild mit Menschen, die sich durch eine Unterführung drängen – Rushhour-Feeling pur. Inmitten der Hastenden: eine schöne junge Frau im leuchtend lila Mantel. Wohnen und Wege – auch das gehört zusammen. Und Balkone für alle – ein Novum! Doch in der Realität: ungezählte Raster. Wolfram Ebersbachs Hausfassade, 1974.

Mit Augenzwinkern – oder doch mit handfestem Sarkasmus? – zeigt Gisela Kurkhaus-Müller in Marzahn, 1982, die Balkone als Ausweis von Sehnsüchten und Herkunft: individuell gestaltete Räume mit Wagenrädern, Geranien, Jagdtrophäen 

Anita Wünschmann

Informationen
Die Ausstellung Wohnkomplex – Kunst und Leben im Plattenbau geht noch bis 8. Februar 2026
DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam 
Max-Planck-Straße 17, 4473 Potsdam
Öffnungzeiten: Täglich 10:00 – 19:00 Uhr, dienstags geschlossen

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