Die Kunst, wieder gut zu hören

Nicht mehr alles zu verstehen, beginnt oft schleichend

Nicht mehr alles zu verstehen, beginnt oft schleichend. Erst sind es einzelne Silben, die im Gespräch verschwimmen. Dann wirkt der Dialog im Film plötzlich undeutlich. Auf der Party scheinen alle gleichzeitig zu reden, bis sich das Stimmengewirr zu einem einzigen Geräuschteppich verdichtet. Viele schieben solche Momente beiseite – aus dem Wunsch heraus, die eigene Wahrnehmung möge bitte so bleiben, wie sie immer war. Doch genau hier beginnt ein Thema, das weit verbreitet ist und dennoch selten offen ausgesprochen wird: das schleichende Nachlassen des Hörvermögens. 

Der Störfall
Es kann jeden treffen. Nicht mehr richtig hören zu können, macht weder vor dem Alter halt noch vor dem Geschlecht. Vielleicht gibt es einen angeborenen Defekt, der sich irgendwann bemerkbar macht, oder einen plötzlichen, von außen auftretenden Störfall wie einen Hör-sturz, ein Knalltrauma oder einen Unfall. All das kann dazu führen, dass man von einem Moment auf den anderen einfach gar nichts mehr hört.
Und dann gibt es eine Verschlechterung des Hörens, die schleichend wahrgenommen wird. Verantwortlich dafür sind die Abnutzung des Hörsystems im Laufe der Jahre, aber auch ein falscher Umgang mit Lautstärken und Stress. Um organische Ursachen auszuschließen, ist eine medizinische Abklärung unbedingt notwendig.

Ich habe die Suppe schon probiert
Der Hörverlust wird schleichend bemerkt, aber irgendwann auch von der Familie und dem Umfeld. Warum ist dein Handy so laut? Warum redest du nicht mehr mit uns? Warum fragst du dauernd nach? Warum kommst du nicht mit zur Party?
Natürlich will man dabei sein, aber man kann dem Geschehen einfach nicht mehr akustisch folgen. Allein das Nachhaken – „Ich habe Sie nicht richtig verstanden“ – zieht oft schmerzhafte und doch auch komische Erfahrungen nach sich. Häufig führt es dazu, dass man im Gegenzug angeschrien wird. Doch zwischen „nicht verstehen“ und „nicht hören“ liegt ein großer Unterschied. Nicht die Lautstärke ist entscheidend, sondern der veränderte Sinn einzelner Wörter. „Schuld daran sind die unterschiedlichen Tonhöhen der einzelnen Sprachlaute“, erklärt die Hörakustik-Meisterin Sylvia Rudolph von Flemming & Klingbeil. „Mit zunehmendem Alter nimmt die Hörfähigkeit ab.“ Was sich zuerst verschlechtert – von Krankheiten einmal abgesehen – ist die Wahrnehmung hoher Töne: das ‚S‘ zum Beispiel oder das ‚F‘. Dadurch werden Wörter anders verstanden, als sie gesprochen wurden. Das ist bei Frauen und Männern gleich“.
Der Sinn ganzer Sätze kann sich dadurch verschieben. Aus „Die Suppe wurde schon püriert“ wird schnell „Die Suppe wurde schon probiert“. Und aus „Haus“ wird „Maus“. Das mag anfangs noch lustig sein, doch mit zunehmender Verschlechterung gerät jede Konversation in eine Sackgasse.

Der Anfang der Demenz
Nicht mehr alles hören zu können, hat scheinbar auch angenehme Seiten. Wer möchte schon den brummenden Kühlschrank in der Küche wahrnehmen, das schrille Kratzen des Löffels auf dem Teller, die lärmenden Kinder vor dem Haus oder den Verkehr auf der Straße? Doch der Preis dafür ist sehr hoch.
Nicht mehr alles hören zu können, bedeutet nicht, endlich Ruhe zu haben, sondern „heißt Rückzug aus dem Leben und ein Schritt näher in die Demenz“, so Rudolph. Eine unbehandelte Schwerhörigkeit gilt laut dem Lancet Commission Report als der größte veränderbare Risikofaktor für Demenz im mittleren Lebensalter. Darauf verweisen sämtliche themennahe Informationsseiten.

Ein Kleinwagen fürs Ohr?
Was man nicht hört, vermisst man scheinbar nicht – und doch ist es da: eine ganze Welt aus Tönen, Geräuschen und Klängen. Hören bedeutet, Teil dieser Welt zu sein. Es bedeutet Kommunikation, Schutz, Sicherheit, Genuss, Teilhabe und Selbständigkeit. Und es bedeutet, den Familienfrieden zu wahren.
Wieder hören zu können, ist dennoch ein sehr privates, intimes und individuelles Thema. Es braucht vor allem Ehrlichkeit zu sich selbst und eine gute Beratung. Nach der medizinischen Abklärung der Ursachen führt der Weg meist zum Hörakustiker. Ein guter Akustiker zeichnet sich dadurch aus, dass er verschiedene Messungen durchführt und ohne Druck berät. Er nimmt sich Zeit, geht gezielt auf Ihr „Ohr“ ein – und stellt favorisierte Geräte bis zu vier Wochen kostenlos zum Testen zur Verfügung. Welche Wahl man am Ende trifft, hängt vom eigenen Budget, den persönlichen Wünschen und dem Geschmack ab.
Natürlich möchte jeder das beste Gerät für sich – doch so einfach ist das nicht. Die Auswahl ist groß und nicht in „gut“ oder „schlecht“ einzuteilen. Es gibt viel, auch prominente Werbung zu Hörgeräten, die perfektes Hören versprechen. Und die zahlreichen Testseiten im Internet liefern oft nicht die erhoffte Orientierung, sind an Hersteller angebunden oder wollen Daten abschöpfen und in „Partnerfilialen“ locken.
Vom Kassengerät, das laut Tests gar nicht so schlecht abschneidet, bis hin zum „Mercedes“ unter den Hörgeräten ist alles möglich. Es gibt kleine Technikwunder, die hinter dem Ohr sitzen und – über einen winzigen, fast unsichtbaren Schlauch – die Geräusche zu einem Minilautsprecher transportieren, der in einem passgenauen Ohrstück integriert ist. Und es gibt Innen-Ohr-Geräte, bei denen sämtliche Technik inklusive Lautsprecher direkt im Ohr sitzt. Verständlicherweise muss hier viel Technik auf engstem Raum untergebracht werden – das macht sie teurer. Der neueste Trend auf dem Markt sind Brillen mit integrierter Hörhilfe. Natürlich klingt es verlockend, alle Hilfsmittel in einem zu haben. Aber Voraussetzung ist, dass auf beiden Seiten der gleiche Hörverlust vorhanden ist. Außerdem sind die Brillen noch sehr Kompakt. Man muss sie den ganzen Tag tragen, um auch immer gut hören zu können. Die Flexibilität ist dadurch eingeschränkt.
Alle Geräte von heute sind auf einem Niveau, das man sich vor zehn Jahren kaum vorstellen konnte. Sie funktionieren ohne Batterien, sondern mit eingebautem Akku. Zum Laden werden sie einfach in eine Ladestation gesteckt. Per App lassen sich die Geräte steuern – lauter, leiser, stumm, alles kein Problem. „Je nach Gerät und Preisklasse stehen Programme zur Verfügung, die individuelle Wünsche in perfekter Feinheit erfüllen können“, sagt Rudolph aus Erfahrung.

Eine Frage der Einstellung
Wieder hören zu können, will gelernt werden. „Es kann von wenigen Tagen bis hin zu sechs Monaten dauern, bis sich das eigene Hören reguliert hat“, so Rudolph. Und doch hat es etwas Wehmütiges, wenn der anfängliche „Wow-Effekt“ nachlässt und alles wieder „normal“ klingt. Die Hörprobleme sind vergessen. Aber sobald man beim Fernsehschauen, im Konzert oder bei einer Familienfeier nur ein Hörgerät herausnimmt, wird im wahrsten Sinne des Wortes klar, welch hohe Lebensqualität ein Hörsystem ermöglicht.
Neben einem passenden Hörsystem kann man noch mehr für die eigene Hörgesundheit tun. Stressvermeidung, Meditation, Sauerstofftherapien und Akupunktur sind nur einige Möglichkeiten. Was individuell sinnvoll ist, lässt sich gut mit dem behandelnden Arzt entscheiden. Wichtig ist vor allem, nicht zu spät zu handeln. Für die frühzeitige Vorsorge, um eine Verschlechterung des Hörens zu vermeiden, gibt es eine ganz simple Methode: starke Lautstärken meiden. Dazu gehört auch das Tragen von Gehörschutzkopfhörern bei lauten Konzerten – besonders für Kinder.

 

Barbara Sommerer

Information:

Welttag des Hörens 
Der weltweite Aktionstag zum „Welttag des Hörens“ findet jährlich am 3. März statt und will global auf die Prävention und Versorgung in Sachen Hörgesundheit aufmerksam machen. In diesem Jahr stand er unter dem Motto „Klingt nach Leben – Das Leben mit allen Sinnen genießen, heute und in Zukunft!“ 
www.welttag-des-hoerens.de 

Podcast 
Deutschlandweites Hörakustiker- Netzwerk mit dem Ziel aufzuklären. Das Berliner Studio in der Fasanenstr. arbeitet herstellerunabhängig. Einzelne Hörakustik-Themen werden per Podcast ausführlich besprochen: von Tinitus bis Ohrgesundheit bei Kindern. 
www.gluecklich-hoeren.de 

Buch 
„Neustart fürs Gehör“, Tobias Knop und Daniel Niehaus
ISBN 978-3-7423-2703-1

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