Ein Start-up investiert in eine Frauenfußball­mannschaft

Fußball

Gründerinnen eines Start-ups haben die erste Mannschaft des FC Viktoria Berlin übernommen. Die in Berlin-Lichterfelde ansässige Frauenmannschaft spielt in der Regionalliga – der dritthöchsten Liga im deutschen Frauenfußball. Erklärtes Ziel des Start-ups: die Mannschaft innerhalb der nächsten fünf Jahre in die erste Frauenbundesliga zu bringen.

Die sechs Gründerinnen nutzten die mediale Gunst der Stunde, als sie kurz vor Start der Frauen-Europameisterschaft in England ihren Coup bekanntgaben. Der schien überfällig gewesen zu sein, denn in Kürze wurden weitere – zumeist weibliche – Investoren gefunden. Dabei sind unter anderem Caroline Kebekus, die „Tatort“-Kommissarin Ulrike Folkerts, Franziska van Almsick und die ehemalige Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch. Über eine Million Euro Kapital wurde eingesammelt und in einer Holding gebündelt, die 75 Prozent der GmbH hält. Ähnlich dem Prinzip bei den Profimannschaften der Männer wurde die 1. Frauenmannschaft vom FC Viktoria Berlin von der GmbH des Start-ups übernommen. Dies ermöglicht einen besseren Finanzierungsrahmen als in einer reinen Vereinsstruktur. Die illustre Investorengemeinschaft von prominenten Größen aus Sport, Politik, Unterhaltung und Wirtschaft wie auch nicht so bekannten Unterstützern will den Fußball nachhaltig verändern. Das Ziel der Investoren ist es, den Fokus verstärkt auf den Frauenfußball zu richten und der Euphorie auch endlich Taten folgen zu lassen.
 

Siegesfreude: Der FC Viktoria hat im Februar das Spitzenspiel der Regionalliga Nordost der Frauen gewonnen. Mit 4:3 schlugen sie knapp den 1. FC Union Berlin

So erhielten alle Spielerinnen des FC Viktoria Berlin Verträge – ein Novum in der Regionalliga der Frauen. Zu den Heimspielen kommen jetzt auch schon mal 1 700 Zuschauerinnen und Zuschauer statt 50 wie in früheren Zeiten. Die Quote der ersten Live-Übertragung eines Regionalliga-spiels der Frauen bei Sport1 im vergangenen Herbst lag bei 180 000. Die Jobvermittlung Stepstone und der Parfümerieriese Douglas wurden als Sponsoren gewonnen.

Perspektivisch ist der Frauenfußball ein Wachstumsmarkt. Die qualitative Verbesserung in den letzten Jahren und der Umstand, dass Frauen in der Gesellschaft immer gleichberechtigter sind, sowie das abgehobene Image der Männer-Profis sorgen für einen Sturm auf eine der letzten klassischen Domäne der Männer: den Fußball! Auch wenn dieser Ruf nicht das erste Mal durch das Stadionrund hallt, scheint hier das Zitat von Hildegard Knef zu gelten: „Eine Frau weicht nur zurück, um besser Anlauf nehmen zu können.“

Über eine halbe Million Zuschauer füllten die Stadien der letztjährigen Europameisterschaft der Frauen in England. Darunter über 87 000 beim Endspiel im Wembley Stadion. 18 Millionen Deutsche verfolgten das Endspiel im Fernsehen. Alles Rekordzahlen! Rekordzahlen, die beim Männerfußball nur noch die Ablösesummen für einzelne Spieler erreichen.
 

Die in Berlin-Lichterfelde ansässige Mannschaft Viktoria Berlin spielt in der Regionalliga – der dritthöchsten Liga im deutschen Frauenfußball

Die deutschen Frauen jedoch haben ihre einstige internationale Vormachtstellung im Fußball verloren, darüber konnte auch die Vizeeuropameisterschaft nicht hinwegtäuschen. Den letzten Titel hatten sie 2016 mit dem Olympiasieg gewinnen können. Auch im Vereinsfußball sind die Mannschaften anderer Länder regelmäßig besser als die deutschen Fußballfrauen. Von 2000 bis 2015 gewannen deutsche Teams insgesamt acht mal den Champions-League-Pokal. Seitdem gelang den deutschen Frauenvereinen kein Triumph mehr. Auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung hat der Frauenfußball in anderen Ländern größere Fortschritte gemacht als hierzulande. Die Frauen des CF Barcelona tragen die entscheidenden Heimspiele in der Womens Champions League auch mal im ausverkauften Stadion Camp Nou mit über 90 000 Plätzen aus, während zum Champions League Spiel der Frauen von Bayern München gerade mal 12   000 Zuschauer zu verzeichnen waren. Im internationalen Spielermarkt zieht es deutsche Spitzenspielerinnen eher ins Ausland als umgekehrt. Viele Vereine der englischen Premier-League der Männer haben eine Frauenabteilung geschaffen, um die vorhandenen professionellen Strukturen besser zu nutzen. Zusammen mit den dort relativ hohen Fernsehgeldern für den Frauenfußball, die zumindest eine angemessene Bezahlung der Spielerinnen ermöglichen, bieten sie somit den talentierten Mädchen und jungen Frauen eine wirkliche Perspektive. Das hat sich wiederum auf die Qualität des englischen Frauenfußballs positiv ausgewirkt hat. Sie wurden prompt Europameister. Hierzulande müssen sich einige Vereine der 1. Frauenbundes­liga den Platz mit anderen Vereinen teilen und eine eigene medizinische Abteilung ist bei einigen Mannschaften so gut wie nicht vorhanden. Mittlerweile haben aber auch viele Bundesligavereine der Männer die Wette auf die Zukunft des Frauenfußballs angenommen. Neun der insgesamt 12 Vereine der 1. Bundesliga der Frauen kennt man vom Männerfußball und weitere Vereine ziehen nach. Hertha BSC wird in der nächsten Saison als letzter Verein der 1. Bundesliga eine eigene Frauenmannschaft ins Rennen schicken.

Aber auch im Frauenfußball gilt die alte Weisheit: „Geld allein schießt keine Tore“ – doch es kann natürlich ungemein helfen. Die zweimalige Fußballweltmeisterin Ariane Hingst als eine der Gründerinnen wird die nötige Fachkompetenz bei Viktoria Berlin einbringen. Tatsächlich konnten die Frauen von Viktoria Berlin elf von zwölf Spielen der Hinrunde gewinnen und sind jedenfalls momentan Tabellenführer der Regionalliga NordOst. Das Spitzenspiel zum Auftakt der Rückrunde gegen die tabellenzweiten Frauen vom 1. FC Union Berlin haben sie auswärts gewonnen. Von der Regionalliga zur 1. Bundesliga sind es nur zwei Schritte. Der erste von beiden, der Aufstieg in die 2. Bundesliga ist dabei der schwerere. Denn nach der Regionalligameisterschaft in der Staffel NordOst muss auch noch in zwei Relegationsspielen gegen die Ersten der Staffel Nord gewonnen werden. Wenn das den Frauen vom FC Viktoria Berlin schon nach dem ersten Jahr des Start-ups gelingen würde, wäre das ein Riesenschritt – und eine große, genommene Hürde. 
 

Übrigens wurde Anfang des Jahres von der FIFA entschieden, dass der französische FC Lyon einer Spielerin Lohn nachzahlen muss. Der Grund: ihre Schwangerschaft. Was in der Berufswelt allgemein gültig ist, gilt nun eben auch für bezahlte Fußballerinnen: Lohnfortzahlung während der Schwangerschaft. Mal sehen, wann die ersten Männer des Profifußballs in Elternteilzeit gehen.

Steffen Dobrusskin

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