Exzess und Armut

Otto Dix, Bildnis der Tänzerin Anita Berber, 1925
Berlin der 1910er- und 1920er-Jahre

Mit rund 35 Werken unterschiedlicher Stilrichtungen macht die Ausstellung die Ambivalenz von Glanz und Elend, Aufstieg und Abgrund im damaligen Berlin erlebbar.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Berlin im Zuge der Industrialisierung nicht nur zu einem ökonomischen, sondern vor allem zu einem politischen und kulturellen Zentrum. Mit der Gründung von Groß-Berlin 1920 stieg die Einwohnerzahl sprunghaft auf rund 4 Millionen Menschen; Berlin wurde nach New York und London zur bevölkerungs-mäßig drittgrößten Stadt der Welt. Neben den zahlreichen Neuerungen in den Bereichen Technik, Bau und Verkehr vollzogen sich gesellschaftliche Umwälzungen, wie die Demokratisierung oder die Frauenemanzipation. Die Traumata des Ersten Weltkriegs, politische Unruhen und der erstar-kende Nationalsozialismus überschatteten die „Goldenen Zwanziger“. Be-reits von zeitgenössischen Stimmen als „Babylon“ mystifiziert, befand sich die Metropole auf vielen Ebenen in Aufruhr: Freiheit, Konsum und Exzess standen in Kontrast zu wachsender Armut und Arbeitslosigkeit.

Die Ausstellung „Ruin und Rausch“ im Sammlungsgeschoss der Neuen Nationalgalerie macht in drei Sektionen das von Gegensätzen geprägte Berliner Großstadtleben zwischen 1910 und 1930 nachvollziehbar. Den Auftakt bildet das Gemälde „Potsdamer Platz“ von Ernst Ludwig Kirchner, der bereits 1914 das zerrissene Lebensgefühl der Zeit ins Bild setzte. Nachdem Eingangs die Dynamik der wachsenden Metropole mit Blick auf Architektur, Verkehr und Nachtleben in den Blick genommen wird, widmet sich der zweite Teil der Ausstellung dem sozialen Elend und den Entbeh-rungen, die den Alltag der Bevölkerung überwiegend prägten. Das dritte Kapitel beleuchtet unterschiedliche Facetten der urbanen Frau, wobei Freiheitsdrang, Selbstbestimmung und queeres Leben sichtbar werden. Am Ende steht Lotte Lasersteins melancholisches Werk „Abend über Potsdam“ von 1930, das den erstarkenden Nationalsozialismus reflektiert.

Die Ausstellung zeigt vorwiegend Gemälde und Skulpturen aus der Sammlung der Nationalgalerie, ergänzt durch eine herausragende Leih-gabe der Sammlung Landesbank Baden-Württemberg aus dem Kunstmuseum Stuttgart: Otto Dix` Gemälde der Tänzerin Anita Berber von 1925. Alle ausgestellten Werke haben einen expliziten Bezug zur Stadt Berlin, sei es motivisch oder aufgrund einer biografischen Verbindung der Künstler*innen. Die Vielstimmigkeit der Zwischenkriegszeit wird anhand von Werken so unterschiedlicher Stilrichtungen wie Expressionismus, Dada-ismus, Konstruktivismus und Neue Sachlichkeit aufgefächert. Darüber hinaus werden Ausschnitte aus Fritz Langs Stummfilmklassiker „Metropo-lis“ (1927) und Walther Ruttmanns experimentellem Dokumentarfilm „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) gezeigt. An drei Hörstationen werden inhaltlich kongeniale Gedichte von Anita Berber, Mascha Kaléko und Erich Kästner bereitgestellt.

25. April 2026 bis 3. Januar 2027
Neue Nationalgalerie
Potsdamer Str. 50, 10785 Berlin
Di – Mi 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Fr – So 10 – 18 Uhr

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