Die U-Bahnhochtrassen am Gleisdreieck verkörpern ein Stück frühindustrieller Baukultur in Berlin. Unter den Gleisen und entlang der alten Bahnstrecken ist mit dem Gleisdreieckpark in den letzten Jahren der wohl schönste neue Park Berlins gebaut worden. Er soll nun eine betont „urbane“ Fassung an seiner Ost-Seite in Richtung Kreuzberg bekommen. Das ist eine gute und schlechte Nachricht zugleich. Denn eine klare bauliche Kante kann – wie beim Central Park in New York – einen Grünraum gut fassen und definieren. Der Kontrast zwischen Park und Hochhaus-Wand kann reizvoll sein. Flächen für das Wohnen und Arbeiten im Zentrum der Stadt zu schaffen mit einem riesigen Park vor der Tür und exzellenter Anbindung an gleich mehrere U-Bahnlinien – das klingt wie eine Traum-Ausgangslage für ein Neubau-Quartier. Dennoch regt sich auch Widerstand gegen das Projekt „Urbane Mitte“, weil es mehrere „Stummel-Hochhäuser“ vorsieht, die die Morgensonne von Osten in den Park blockieren werden. Aber die Würfel sind gefallen: Eine der letzten großen Bauflächen im Zentrum Berlins wird zu einem neuen Stadtquartier umgewandelt werden. Das etwa 40 000 Quadratmeter große Grundstück liegt zwischen dem Park am Gleisdreieck und dem U-Bahnhof Gleisdreieck, an dem sich die Linien der U1 und U2 kreuzen.
Das Quartier neue „Urbane Mitte“ besteht aus sieben im Grundriss trapezförmigen Gebäuden mit 25 bis 90 Metern Höhe. Dieses Ensemble ist ein Kind des „Planwerks Innenstadt“, mit dem der ehemaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann (SPD) das Zentrum der deutschen Hauptstadt neu beplante. So ist es auch kein Zufall, dass eines seiner Lieblings-Architekturbüros, das Büro Ortner & Ortner den städtebaulichen Wettbewerb für das neue Viertel gewonnen hat. Der Verkehrslärm macht „dauerhaftes Wohnen“ aus Sicht der Planer auf dem Gelände unmöglich. Deswegen sind im ersten Bauabschnitt nur ein Hotel und Büros vorgesehen – ein Nutzungs-Mix, der den Rendite-Erwartungen von Immobilien-Investoren ohnehin entgegenkommt.
Die Architekten vom Büro, das sich „Ortner & Ortner Baukunst“ nennt und in Berlin mit Projekten wie der Shopping Mall „Alexa“ am Alexanderplatz bekannt geworden ist, wollten einen neuen Stadtteil entwerfen, der „Luftigkeit und Dichte“ und „Stadt und Park“ miteinander verbindet, so die Planer. Eine „Gruppe aus Solitär-Gebäuden“ soll „von fern und nah unterschiedliche Perspektiven bieten“. Für eine kräftige städtebauliche Hochhaus-Zitadelle fehlen jedoch, wie üblich in Berlin, sowohl der ambitionierte Bauherr als auch der politische Mumm. Urban wird das Viertel sicher, metropolitan aber ebenso so sicher nicht.
Zunächst wird also das südliche Baufeld der „Urbanen Mitte“ beplant mit zwei Gebäuden die einstweilen die Bezeichnungen Nummer 6 und Nummer 7 tragen. Bald sollen sie originellere Namen bekommen und im Detail architektonisch entworfen werden. Zwischen beiden Gebäuden wird eine Sporthalle gebaut. Die Erdgeschosse sollen „eine Kantine und Fahrradwerkstatt beherbergen“, so hoffen die Architekten, aber auf die Mieterauswahl haben sie natürlich keinen Einfluss. Das Abgeordnetenhaus von Berlin hat den Bebauungsplan bereits beschlossen, denn der Senat hatte dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Planung für das Areal entzogen. Denn die Politiker des betont kapitalismus-kritischen Bezirks wollten das Bebauungsplanverfahren nicht weiterführen und stattdessen tiefgreifende Änderungen fordern: weniger Büroflächen und mehr bezahlbare Wohnungen – eine typische Politiker-Forderung. Im südlichen Gebäude wäre wegen des Lärms durch die Bahnen jedoch nach Ansicht der Planer „nur Wohnen auf Zeit möglich“. Im nördlichen Teil der „Urbanen Mitte“ soll hingegen ein neuer Bebauungsplan mehrere hundert Wohnungen ermöglichen, die von der landeseigenen „Stadt und Land“ finanziert und gebaut werden sollen.
Die Deutsche Bahn AG baut nebenan die neue S-Bahn-Strecke S21. Ein Wohnhaus soll sogar über der Strecke gebaut werden. Langwierige Planungen und Prüfungen wären keine Überraschung. Die Bürgerinitiative „Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck e. V.“ kritisiert an dem Plan für die „Urbane Mitte“, dass die Wohnungen zu teuer werden. Das kann zwar niemand wissen, aber der Verdacht liegt angesichts der hohen Baupreise in ganz Deutschland tatsächlich nah. Der Bauherr, die Firma „Periskop“ wird als nächsten Schritt einen Realisierungswettbewerb ausloben, bei dem sich die Architekten vom Büro „O&O“ sicher gute Chancen ausrechnen. Ob ihre Gebäude einst die Brachflächen des ehemaligen Güterbahnhofs prägen werden, steht also noch nicht fest. Von ihnen stammt jedoch die Idee und Vorgabe, dass das „Quartier Gewerbe und soziale Einrichtungen in den Sockeln der Gebäude haben soll“. Außerdem betonen die Bauherren, dass ihr Quartier auf versiegelten Flächen gebaut wird, also keine Grünflächen verloren gehen. Die Flächen vor den Gebäuden sollen im Gegenteil sogar so gestaltet werden, dass der Gleisdreieckpark ergänzt wird. Sie liegen allerdings zumindest morgens auch in ihrem eigenen Schatten. Die Angst vor Hochhäusern wirkt jedoch reflexhaft. Im internationalen Vergleich betrachtet, sind die Türmchen kleine Stummel. Anfang nächsten Jahres soll der Bau der neuen „Urbanen Mitte“ zwischen Schöneberg im Westen und Kreuzberg im Osten beginnen. Zwei Jahre später will der Bauherr auch den Nordteil des Geländes bebauen. Dann wird der Gleisdreieck Park im Osten eine klare urbane Kante zeigen.