Am Molkenmarkt entscheidet Berlin über mehr als ein neues Stadtquartier: Der Umbau des historischen Ursprungs der Stadt wird zum Lackmustest für die künftige Stadtpolitik. Zwischen sozialer Verantwortung, historisierender Planung und enormen Baukosten ringt der Senat darum, wie eine gerechte, dichte und lebendige Innenstadt aussehen soll – und wer sich das Leben dort künftig leisten kann
Nur wenige Orte in Berlin sind so bedeutsam wie der Molkenmarkt, denn zwischen dem Nikolaiviertel und der Ruine der Klosterkirche befindet sich der Ursprung Berlins. In den 1960-er Jahren wurde der Platz zu einer riesigen Straßenkreuzung degradiert, Autoschneisen und Parkplätze prägten über Jahrzehnte die Gegend. Das ändert sich nun: Ein neues Stadtquartier soll diesen Teil von Mitte städtebaulich heilen und mit den umliegenden Quartieren vernetzen.
Das „Planwerk Innenstadt“ des Berliner Senats sieht vor, dass innerstädtische Brachen wie am Molkenmarkt wieder kleinteilig und nach historischem Vorbild bebaut werden. Die Liebe zum Auto in der Innenstadt ist dahin, die Wohnungsnot in Berlin groß – da erscheint die Urbanisierung überbreiter Verkehrstrassen mehrheitsfähig. Dennoch zeigt sich am Molkenmarkt auch die Kehrseite einer historisierenden Stadtplanung.
Die Vielfalt kleiner Häuser auf einzelnen Parzellen mit geometrisch komplexen Grundrissen kann zwar lebenswerte Stadträume erzeugen, der planerische und bauliche Aufwand ist jedoch enorm. Die Immobilienpreise steigen entsprechend. Die Wohnungen könnten qualitativ dennoch hinter gut orientierten Neubauten zurückbleiben. Den Maßstab einer historischen Stadt wiederherstellen zu wollen, heißt auch, die Probleme der vormodernen Stadt erneut auf den Tisch zu bekommen.
Ob die neuen Blöcke am ehemaligen Molkenmarkt die Vorzüge der modernen mit denen der traditionellen Stadt verbinden können, ist unklar. Die bisherigen Erfahrungen mit neu gebauten Altstädten – etwa in Frankfurt am Main – sind gemischt. Kritiker bemängeln, dass sich die Wohnungen in solchen alt-neuen Vierteln nur Wohlhabende leisten können und dass die Architektur Gefahr läuft, zu einem Retro-Pastiche zu werden, das vor allem als Fotokulisse für Touristen dient. Am Molkenmarkt soll das anders sein: Die Politik achtet darauf, dass das neue Viertel sozial nicht zu exklusiv wird. Baukosten von geschätzt mindestens 6 800 Euro pro Quadratmeter machen günstige Mieten für private Bauherren jedoch unmöglich. Deshalb soll die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte (WBM) die Häuser errichten und sich vom Steuerzahler subventionieren lassen. Die Stadt plant zudem eine neue Straßenbahnlinie. Die Grunerstraße, die den ehemaligen Molkenmarkt in Ost-West- Richtung zerschneidet, wird zweifach verschwenkt und ihr Verkehrsfluss entsprechend reduziert.
Fünf Entscheidungen für den Molkenmarkt
Im Sommer wurden fünf Architekturwettbewerbe für zwei der Baublöcke entschieden. Die Entwürfe vermitteln ein klares Bild der künftigen Bebauung. Unter den Preisträgern sind große und lokale Architekturbüros wie Hemprich/Tophof, Kleihues, Dudler, Lederer/Ragnarsdóttir und Baumschlager/Eberle aus Berlin, aber auch auswärtige Planer aus Basel, Münster und München. Um „Vielfalt zu organisieren“, wurden die Blöcke in vier Lose gegliedert. Eine Arkade soll die Häuser verbinden.
Das neue Viertel soll sich dem historischen Stadtgrundriss „annähern“ und eine „altstädtische Architektur“ bieten – so die politische Vorgabe. Geplant sind Gebäude mit unterschiedlichen Fassaden, Materialien und Formen, die dennoch einheitliche Straßenfronten und Blöcke bilden und ein Ensemble schaffen, das den Charakter eines gewachsenen Stadtviertels imitiert. Ziel ist nicht die Rekonstruktion der mittelalterlichen Stadt, sondern „Stadtreparatur“. Das Viertel soll ein gemischtes Stadtquartier werden und keine Kulissenstadt aus rekonstruierten Altbauten. Entlang der Straßen ist Blockrandbebauung vorgesehen, für das Inneren der Blöcke ruhigere Wohnbauten. Insgesamt sind 220 Wohnungen geplant, davon 104 gefördert. In den Erdgeschossen sollen Geschäfte, Cafés, Werkstätten und Restaurants für Urbanität sorgen. Die Wettbewerbsauslobung zielte auf eine kleinteilige Struktur ab. Der Jüdenhof wird als kleiner Platz und die Parochialgasse als Fußgängerverbindung angelegt. Die Außenräume sollen „Sitzen, Treffen mit Freunden, Essen im Freien, Flanieren oder Innehalten ermöglichen“, wie die Planer formulieren. Die Neubauten sollen die historische Stadt stärken, statt mit ihr zu konkurrieren. Die vier- bis sechsgeschossige Bebauung schafft Straßenräume mit einem intimen Maßstab und hoher Dichte. Mehrere Grünflächen sind vorgesehen: Der atmosphärisch stärkste Bereich könnte das Areal rund um die Ruine der Klosterkirche werden. Dieser Park soll die Ruine sichtbar und zugänglich machen.
Zudem sind begrünte Innenhöfe, Dachbegrünungen und Straßenbäume geplant. Regenwassermanagement und „klimaresiliente Freiflächen“ sollen den ökologischen Anforderungen entsprechen. Das Quartier soll klare Raumkanten schaffen, wo derzeit Straßen und Freiflächen dominieren. Es soll Bewohner in die Innenstadt zurückbringen. Das Rote Rathaus, das Alte Stadthaus und die Klosterkirchenruine werden künftig nicht mehr isolierte Verkehrsinseln sein, sondern Teil einer durchgehenden Stadt. Im geplanten Kulturbau sollen archäologische Zeugnisse integriert werden.
Ab 2029 soll das alt-neue Viertel am Molkenmarkt gebaut werden und bereits drei Jahre später fertig sein. Dann bekäme Berlin ein dicht bebautes, fußgängerfreundliches Stück Innenstadt in bester Lage zurück. Die Bebauung des Molkenmarkts ist der Versuch, das Herz Berlins zu heilen.