Kunstguss mit Tradition

Vor 300 Jahren wurde in Lauchhammer der erste Hochofen angeblasen. Damit begann die Industrialisierung einer ganzen Region. Im Sommer feierte die Kunstgussstadt ihre lange Geschichte – mit ungewisser Zukunft.

Es war sicher ein Glücksfall, dass in einer ursprünglich ländlich geprägten Region ein Zufallsfund den Grundstein für den Industriestandort Lauchhammer und damit für die Industrialisierung der Niederlausitz gelegt hat. Doch ohne die Initiative einer Frau, die diesen Glücksfall zu nutzen wusste, wäre die Geschichte anders verlaufen.

Auf ihrem Besitz in Mückenberg findet Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal 1725 zufällig Raseneisenerz. Im gleichen Jahr lässt sie daraufhin am 25. August in Naundorf, dem heutigen Lauchhammer-Ost, den ersten Hochofen zum Schmelzen von Raseneisenerz mittels Holzkohle anblasen. Als das gelingt, gründet sie mit ausdrücklicher Genehmigung von August dem Starken ein Eisenwerk. So beginnt die 300-jährige Geschichte der Kunstgussstadt Lauchhammer mit dem Mut und der Kreativität einer Frau. Innerhalb kurzer Zeit produziert die visionäre Unternehmerin geschmiedete und gegossener Eisenwaren, stellt Handelsgut aus Eisenguss her, zum Beispiel Töpfe, Werkzeuge und sogar Öfen. Ein halbes Jahrhundert lang führt sie ihr Unternehmen selbst, fördert soziale Strukturen und Bildung. Den eigentlichen Kunstguss führt allerdings erst ihr Patenkind, der kunstsinnige Detlev Carl Graf von Einsiedel ein. Er und sein Sohn entwickeln das Werk weiter: Erstmals in Deutschland versuchen sie, Gussmodelle aus Abgüssen antiker Plastiken herzustellen und große Figuren in einem Stück zu gießen. 1784 wird der erste wirklich gelungene Eisenkunstguss gefeiert. Zum ersten Mal erblickt eine Großfigur nach dem Wachsausschmelzverfahren das Licht der Welt.

Lauchhammer wird zu einem bedeutenden Zentrum für Kunst- und Bronzeguss, international bekannt für hochwertige Skulpturen, Grabmäler und Medaillen. Zeitgenossen nennen die Stadt einen „kunsttechnischen Wallfahrtsort“. Seine Hochzeit findet der Eisenkunstguss mit seinen schlichten klaren Formen im Klassizismus. Bis heute werden in Lauchhammer in der Tradition des preußischen „Fer de Berlin“ („Berliner Eisen“) die legendären Schinkel-Möbel gegossen. Im gesamten 19. Jahrhundert hat auch der Bauguss seine Blütezeit. Es werden Säulen, Brücken, Treppen- und Balkongeländer, Kandelaber gegossen, in den Jahren 1893 bis 1897 allein 320 Straßenpumpen für Berlin. 

Eisenguss eines Stahlgießers vor dem Museum
Die ständige Ausstellung im Kunstgussmuseum zeigt die Entwicklung seit 1724 und die internationale Bedeutung der Gießerei, deren Werke weltweit im öffentlichen Raum stehen

Innovativ zeigt sich Lauchhammer ebenso beim Übergang vom Eisen- zum Bronzeguss. Neben den anderen preußischen Hütten in Berlin, Gleiwitz und Sayn avanciert die Kunstgießerei zur ersten Adresse beim monumentalen Bronzeguss. Mit seinen zwölf Einzelstatuen, acht Reliefbüsten und zahlreichen Stadtwappen ist Ernst Rietschels berühmtes Luther-Ensembles in Worms von 1868 bis heute das größte Bronzedenkmal Deutschlands. Mittlerweile steht in fast jeder größeren deutschen Stadt eine Arbeit aus Lauchhammer, sei es ein Denkmal, eine Skulptur, ein restauriertes Stadtmöbel, ein Relief oder ein Brunnen.

Zwar ist der Kunstguss die eigentliche Domäne der Kunstgießerei, doch seit 1834 gab es auch sporadische Versuche, Glocken zu gießen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde auf dem Gelände eine richtige Glockengießerei eingerichtet. Glocken aus Lauchhammer läuteten von da an beispielsweise in der Stiftskirche in Quedlinburg, der Liebfrauenkirche in Halberstadt, der Schlosskirche in Wittenberg oder im Berliner Dom. Die Berliner Domglocke ist mit drei Tonnen Gewicht die einzige noch erhaltene Großglocke aus Lauchhammer. Die meisten der etwa fünfhundert bis zum Zweiten Weltkrieg gegossenen Bronzeglocken wurden eingeschmolzen. Zu DDR-Zeiten gab es keine Glockenproduktion, erst wieder nach der Privatisierung ab 1993. Seitdem verließen mehr als zweihundert Glocken die Lauchhammer Kunstguss GmbH, die größte für den Halberstädter Dom mit 8,3 Tonnen Gewicht und einem Durchmesser von 2,35 Metern. Bis 2025 bot die Kunstgießerei neben Führungen auch Schaugüsse an. Hautnah konnten Auftraggeber oder Interessierte dem Abguss einer neuen Kirchenglocke beiwohnen.

Schwer zu glauben, dass die Zukunft dieser traditionsreichen Kunstgießerei in Lauchhammer ungewiss ist. Bereits Ende 2024 musste sie Insolvenz anmelden. Es fehle an Investitionen, moderner Technik und Kapital, hieß es. Angeblich war auch die mangelnde Nachfrage der Grund für die Einleitung des Insolvenzverfahrens. Derzeit arbeiten noch 26 Beschäftigte in der Gießerei. Die Kunstgießerei Lauchhammer ist neben Takraf die einzige Firma, die direkt auf die Unternehmensgründungen der Freifrau von Löwendal vor 300 Jahren zurückgeht. Gewiss ein Grund zum Feiern. Im Jubiläumsjahr 2025 fanden zahlreiche Veranstaltungen, Ausstellungen, Führungen und Vorträge statt. Höhepunkt war im Sommer das Stadtfest im Schlosspark. Die Sonderausstellung „Glühendes Erbe“ kann noch bis zum 25. Oktober 2026 im Kunstgussmuseum besichtigt werden.

Es gibt nicht mehr viele Kunstgießereien in Deutschland. In Lauchhammer steht die Älteste. Sie zu retten, ihr eine Zukunft zu geben, müsste für die Stadt fast eine Verpflichtung sein. Anderes leitet sich aus den Bekundungen zu Tradition und zum stolzen Erbe im Jubiläumsjahr kaum ab. Wünschenswert wäre die Übernahme der denkmalgeschützten Produktionsstätte in städtisches Vermögen. So könnte die Stadt Lauchhammer ihrem einzigartigen Juwel der Industriekultur eine Zukunft geben.

Reinhard Wahren

Information

Führungen durch die Kunstgießerei und das Kunstgussmuseum 
Lauchhammer nach Absprache.
 
Kunstgießerei 
Lauchhammer GmbH & Co KG
Freifrau-von-Löwendal-Straße 3, 01979 Lauchhammer-Ost
www.kunstmuseum-lauchhammer.de

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