Rund um den Zionskirchplatz begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise. Kopfsteinpflaster, restaurierte Mietshäuser und die Zionskirche verleihen dem Viertel einen ursprünglichen Charme – und zugleich steckt es voller Leben mit Cafés, Läden, Galerien und grüne Ecken. Die Kirche aus dem 19. Jahrhundert thront würdevoll über dem Platz. In den 1980er-Jahren war sie Zentrum der DDR-Opposition, bekannt durch die Umwelt-Bibliothek im Keller. Heute steht sie als Symbol für friedlichen Widerstand. Der neugotische Backsteinbau wird seit den 1990er-Jahren schrittweise saniert. Nun wurde auch das Kircheninnere behutsam restauriert. Wir trafen Kirchenmalermeisterin Sandra Theile von der Firma Nüthen Restaurierung. Sie und ihr Team übernahmen die Putz-, Stuck- und Malerarbeiten – mit besonderem Fokus auf die Raumschale oberhalb der Empore. Ein Gespräch über Farbe und die Kunst, Geschichte sichtbar zu machen.
Was hat Sie bei der Arbeit im Inneren der Zionskirche besonders gereizt – gab es Momente, wo Sie dachten: „Das wird schwierig“?
Der Spagat zwischen einem frischen, neuen Erscheinungsbild und dem Sichtbarlassen der diffusen freigelegten Altbestände war eine spannende Herausforderung. Die Frage ist ja, wie man größere, neue Putzflächen in den Altbestand integriert. Wir haben vorgeschlagen, diese Flächen erst farblich dem Altbestand anzugleichen – sie ‚alt aussehen‘ zu lassen – um sie erst dann mit der gewünschten durchscheinenden Lasur zu überfassen. So wurde es dann auch umgesetzt. Die Abstimmung aller Farbtöne zu einer harmonischen Einheit war wirklich anspruchsvoll, da bereits geringfügige Nuancen das Gesamtbild maßgeblich verändern und die angestrebte Farbharmonie empfindlich stören konnten. Präzision war hier von größter Bedeutung.
Wie geht man als Kirchenmalerin damit um, wenn man alte Farbschichten freilegt – was bleibt, was kommt weg?
Das entscheiden wir in der Regel nicht allein. Häufig gibt es bereits ein Konzept vom Denkmalamt, und wenn nicht, entsteht die Entscheidung in enger Abstimmung – vor allem zwischen Denkmalamt und Planerteam. Während der Umsetzung können wir aber durchaus unsere Expertise einbringen und wichtige Impulse liefern, so wie es auch bei der Zionskirche der Fall war.
Inwieweit werden neuere Farbschichten als erhaltenswerte historische Dokumente eingestuft?
Das hängt stark vom Einzelfall ab. Manchmal gibt es mehrere hochwertige Fassungen, die vollständig erhalten bleiben und nur punktuell freigelegt werden. In anderen Fällen – wie bei der Zionskirche – ist keine historische Fassung mehr in Gänze erhalten. Dann können neuere Farbschichten auch großflächig abgenommen werden, weil keine Gefahr besteht, historische Substanz zu zerstören.
Welche Rolle spielte die Geschichte der Zionskirche als Ort des Widerstands in der DDR für Ihre Herangehensweise an die Restaurierung?
Das Konzept der Architekten – Krekeler Architekten Generalplaner GmbH – sah vor, die Narben der Zeit sichtbar zu belassen und damit die verschiedenen Epochen der Baugeschichte zu würdigen. Der Wunsch war, dies durch eine durchscheinende Lasur auf den freigelegten Wandflächen zu erreichen und kleinere Ausbrüche bewusst stehenzulassen. So sollte die bewegte Vergangenheit des Ortes nicht überdeckt, sondern erkennbar bleiben.
Wie gelingt es, historische Bausubstanz für den Betrachter wieder sichtbar zu machen?
Das gelingt meist durch die Rekonstruktion historischer Gestaltungselemente – manchmal auch in Form von Teilrekonstruktionen. Bei Putz und Stuck bedeutet das oft eine vereinfachte Wiederherstellung von Formen und typischen Details. Im Fall der Zionskirche wurde dieser Ansatz an den Wandflächen durch einen durchscheinenden Farbauftrag in Lasurtechnik umgesetzt. Auch an anderer Stelle wurde gestalterisch Bezug auf historische Elemente genommen – etwa durch einen getupften Farbauftrag an den sogenannten Bündelpfeilern, also den Säulen, die mehrere Rundstäbe bündeln. Die Wandvorlagen sind nämlich alt.
Wie haben Sie die unterschiedlichen Bauphasen und Farbfassungen gestalterisch zu einem Gesamtbild vereint?
In der Zionskirche fanden sich zunächst zahlreiche, teils fragmentarische Reste historischer Farbfassungen – ein recht wirres Durcheinander, das gestalterisch zusammengeführt werden musste. Ziel war es, diese Spuren durch eine durchscheinende Lasur auf den Wandflächen zu bündeln und so ein ruhiges, aber vielschichtiges Gesamtbild zu schaffen.Die Wandlasur beispielsweise, die wir auf Flächen aufgetragen haben, die zuvor ziegelrot sichtbar waren, orientiert sich am Farbton der früheren Kalkschlämme. Und die Lasur des Gewölbes wurde so gewählt, dass sie eine himmelhafte Wirkung entfaltet – als atmosphärischer Abschluss nach oben.
Welche alten Maltechniken oder Materialien benutzen Sie, die man heute kaum noch kennt?
Die Mal-, Fass- und Vergoldetechniken der Kirchenmalerei gelten seit 2016 als immaterielles Kulturerbe – und das aus gutem Grund. Es handelt sich um eine ganze Reihe traditionsreicher und oft sehr spezieller Verfahren, die heute kaum noch bekannt sind. Dazu gehören etwa Marmor- und Holzimitationen, bei denen mit Farbe die Struktur und Optik von Stein oder Holz täuschend echt nachgebildet werden. Oder die sogenannte Graumalerei, bei der allein durch helle und dunkle Töne sehr plastische, fast dreidimensional wirkende Bilder entstehen.
Auch die Vergoldung ist ein eigenes Kapitel für sich: Hier gibt es viele verschiedene Techniken. Wir arbeiten dabei mit sehr besonderen Werkzeugen: Pinsel aus Dachshaar, Pferdeschweif oder Eichhörnchenhaar, je nach Technik und Oberfläche. Für die Marmorimitation nutzen wir sogar Federn, um die typischen geschwungenen Linien zu ziehen.
Und auch die Materialien sind außergewöhnlich: Schellack etwa ist ein Harz, das von Schildläusen abgesondert wird. Als Bindemittel kommen verschiedenste Leime zum Einsatz – etwa aus Knochen, Tierhaut oder Fischblasen. Für bestimmte Vergoldungen verwenden wir Ei oder Bienenwachs. Und die Farbpigmente stammen oft aus gemahlenen Halbedelsteinen, Erden oder sogar Glasmehl. Es ist eine Welt voller handwerklicher Raffinesse und jahrhundertealter Erfahrung.
Wie viel künstlerische Freiheit haben Sie bei einem historischen Gebäude – dürfen Sie da auch mal kreativ werden?
Kreativität spielt in der Kirchenmalerei eine untergeordnete Rolle. Es geht darum, historische Substanz zu bewahren und gegebenenfalls exakt zu rekonstruieren. Die persönliche Handschrift muss dabei zurücktreten – ganz ausblenden lässt sie sich aber nicht: Jeder hat zum Beispiel seinen eigenen Duktus beim Lasieren, was sich auf die Wirkung der Oberfläche auswirken kann. Kirchenmalerei ist oft auch Detektivarbeit. Man analysiert, wie frühere Künstler gearbeitet haben – etwa wie eine Linie gesetzt wurde, mit welchem Pinsel und aus welcher Richtung.
Was war Ihnen persönlich bei der Gestaltung besonders wichtig – gab es Details, die Ihnen besonders am Herzen lagen?
Mich fasziniert bis heute, wie gut es gelungen ist, historische Elemente mit der neuen Gestaltung zu verbinden – und dabei die Narben der Zeit sichtbar zu lassen. Die Idee, alle Wandflächen durch eine Lasur gestalterisch zusammenzuführen, war in der Umsetzung anspruchsvoll. Dass das in enger Zusammenarbeit so stimmig gelungen ist, erfüllt mich mit Stolz.
Was macht für Sie den Reiz Ihres Berufs aus?
Kein Objekt gleicht dem anderen – das macht die Arbeit so spannend. Jeden Tag muss man neu überlegen: Wie gehe ich das an? Gerade bei Imitationen ist die Herausforderung, sie so perfekt umzusetzen, dass man aus der Distanz keinen Unterschied zum Original erkennt. Die richtige Technik, die passenden Farben, der effizienteste Weg – das ist jedes Mal eine neue Aufgabe. Und am Ende sieht man, was man geschafft hat. Das Ergebnis ist oft verblüffend. Besonders liebe ich die Vergoldung. Wenn ein Objekt am Ende aussieht wie feinstes getriebenes Gold, ist das ein echter Glücksmoment.
Danke für das Gespräch