Schicht-Torte am Ostbahnhof

Am Berliner Ostbahnhof in Friedrichshain entsteht das Gewerbe- und Wohnprojekt „LXK Campus“

Während andere Bauprojekte in Berlin ins Stocken geraten, nimmt der LXK Campus in Friedrichshain zusehends Gestalt an: Direkt am Ostbahnhof entsteht ein neues Stadtquartier, das Arbeiten, Wohnen und Nachhaltigkeit miteinander verbinden soll. Das Konzept setzt auf grüne Dächer, Photovoltaik und Regenwassermanagement

Ein Gebäude „Campus“ zu nennen, ist derzeit groß in Mode: Es klingt nicht nur nach akademischer Bildung, sondern ebenso nach schöner Vegetation. Auch in einem durchaus tristen Teil des Bezirks Friedrichshain soll ein Neubau gebaut werden, der den Namen „LXK Campus“ trägt. Das Kürzel „LXK“ steht für „Lange Ecke Krautstraße“.

Auch die Architekten, die das Gebäude entworfen haben, haben eine Abkürzung als Namen: Das Büro MVRDV aus Rotterdam hat eine Bezeichnung, die sich aus drei Familiennamen zusammensetzt: Maas, van Rijs und de Vries. Es ist der Architekt Jacob van Rijs, also das VR in MVRDV, der das Berliner Großgebäude entworfen hat: Bekannt geworden war sein Büro mit dem Bau des Niederländischen Pavillons auf der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover. Seitdem sind zwar 25 Jahre vergangen, aber der Entwurfsansatz der Holländer ist noch immer ähnlich. Gerade in einem flachen Land wie den Niederlanden ist die Begeisterung groß für die Stapelung von verschiedenen Funktionsräumen zu einem dichten, urbanen Turm. So war es auf dem Messegelände in Hannover und so ist es auch heute bei dem Neubau an den östlichen Stadtbahnbögen von Berlin-Friedrichshain: Als Verlängerung des Mediaspree-Geländes, das von der Jannowitzbrücke bis zum Ostbahnhof reicht, wird der LXK-Campus das Neubauviertel in Richtung Innenstadt erweitern. Bis in die 1990er- Jahre hinein standen auf dem Gelände der Julius Pintsch AG Altbauten und Gebäude der Nachkriegsmoderne. Die Firma war ein Beleuchtungs-Hersteller und wurde 1843 von Julius Pintsch gegründet. Hervorgegangen war sie aus einer Bauklempnerei, die zunächst Gasmessgeräte und Eisenbahnlampen produzierte. Der Familienbetrieb wurde 1907 zur Julius Pintsch AG. Nach 1945 wurde sie enteignet. Seit 1997 war das denkmalgeschützte Gebäude, in dem das Berliner Unternehmen seine Apparate und Leuchten produziert hatte, ungenutzt. Die Sanierung des historischen Gebäudes ist nun abgeschlossen. Als es um die Bebauung des Firmengeländes rund um die Halle ging, verbot der Bezirk dem Investoren zunächst den Bau eines Bürohauses, weil eine Schule mit Sportplatz dort vorgesehen war. Der Bebauungsplan wurde entsprechend geändert, aber dem Bezirk gehörte das Grundstück nicht und der Senat scheute den Kauf aus Kostengründen. Geplant war, dass die HOWOGE die Schule und einen Grundstücksanteil kauft und an den Bezirk vermietet. Dann aber bekam der Bezirk das SEZ-Areal an der Landsberger Allee, auf dem er eine Schule bauen wird.

Uferbereiche der Spree in Friedrichshain – Das rechte und linke Spreeufer im Bezirk ist bis heute deutlich von Industriearchitektur und gewerblichen Strukturen geprägt.

Die größte Investition in Berlin seit dem Bau des Sony Centers

Auf dem Areal zwischen Andreas-, Krautstraße und Lange Straße errichten nun drei Immobilien-Firmen (Tishman Speyer, RB Real Berlin und CESA Group) ein riesiges Büro- und ein kleines Wohnhaus. Für den amerikanischen Immobilienkonzern Tishman Speyer ist es die größte Investition in Berlin seit dem Bau des Sony Centers am Potsdamer Platz in den 1990er- Jahren. Der Neubau am Ostbahnhof besteht aus zwei L-förmigen Riegeln mit Hof und soll 2026 fertiggestellt sein. In dem Wohngebäude werden 140 Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen Platz finden, Restaurants und Läden sollen an den Ecken das Erdgeschoss der Büroriegel attraktiver machen. Darüber liegen auf zehn Stockwerken in beiden Blöcken riesige Büroflächen. Ein gelbes Fassadenband mit bepflanzten Terrassen gliedert den Bau auf Höhe der Gebäude des benachbarten Holzmarktes. Von einem Vorplatz aus können Fußgänger in den öffentlich zugänglichen Innenhof gelangen. Durch die Aktivierung der angrenzenden S-Bahn-Bögen soll am Eingang des Campus genannten Hofes städtisches Leben herrschen. Für das Gebäude 
streben die Architekten eine „LEED-Platin“-Zertifizierung für nachhaltiges Bauen an. Ihr Neubau wird als „Near-Zero Energy Building“ vermarktet, das heißt, es soll nur wenig Energie verbrauchen, die es nicht selber produziert. Im Betrieb der Gebäude wird auf fossile Brennstoffe verzichtet, es gibt eine Photovoltaikanlage auf dem Dach und das Regenwasser wird vor Ort genutzt. Typisch holländisch ist auch das Verkehrskonzept mit 800 Fahrradstellplätzen (und dennoch immerhin 150 PKW-Stellplätzen)

Die Architekten sprechen von geschichteten Landschaften

Die Landschaftsarchitekten vom Berliner Büro Capatti Staubach müssen zeigen, wie das Vegetationsband, das die Riegel gliedern soll, im Detail aussieht. Die Fuge in den Bauteilen soll von Passagieren in den vorbeifahrenden Zügen gut erkennbar sein. Den 52 000 Quadratmetern Büro- und Gewerbefläche stehen nur 9 300 Quadratmeter Wohnfläche gegenüber. Das durchgehende Band wickelt sich horizontal um die Bauwerke und bindet das Volumen zu einer Einheit. Die Dachterrassen ermöglichen Ausblicke auf die Spree und das Stadtzentrum. Die Architekten sprechen von „geschichteten Landschaften“. Die Aufteilung der Gebäude in kleinere Blöcke soll helfen, das riesge Gebäude in seine Umgebung einzufügen. Asymmetrische, halbtransparente Paneele an den Fassaden sollen sich in den Blöcken spiegeln und ein Schachbrett-Muster erzeugen. Im nächsten Jahr, wenn alles fertig ist, dürfte die niederländische Schicht-Torte des LXK-Campus nicht nur für Tausende von S-Bahn-Passagieren, die täglich an ihm vorbeifahren werden, ein Hingucker sein.

Ulf Meyer

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