Die Beschriftung der Stadt

Ohne Schrift wäre die Stadt nicht die Stadt, die wir kennen: Schrift und erst recht Leuchtschrift zeigt uns, wo es lang geht, wo wir ein- und aussteigen müssen, wo die Geschäfte, Hotels und Restaurants sind, die wir suchen. Wiedererkennbare Schriftzüge machen aus einer Markthalle ein Warenhaus, aus Geschäftsstraßen Flaniermeilen. Markennamen als wiederkehrende Schriftzüge geben uns Orientierung, die Schriften einer Stadt können so sogar zu einer Art visuellen Heimat für die Bewohner werden.

Diesen Schriften – genauer gesagt: den physischen Schriftzügen aus Alublech, Metall oder Leuchtstoffröhren – widmet sich das Buchstabenmuseum. Es liegt etwas versteckt im S-Bahn-Gewölbe am Bellevue. Hinter dem leicht verwunschenen Eingang reiht sich dann Raum an Raum. Alle paar Minuten rattert eine S-Bahn über das Museum und lässt trotz der etwas entlegenen Lage keinen Zweifel, dass wir mitten in einer Großstadt sind. Und das passt perfekt zum Thema: Schrift und Großstadt gehören untrennbar zusammen.  

Hier sind tausende Leucht- und sonstigen Buchstaben zu sehen, die einst an Warenhäusern, Geschäftsgebäuden, Hotels und öffentlichen Einrichtungen hingen. Ein stilles Highlight ist etwa das imposante „A“ vom alten Ostbahnhof. An sich sachlich und schnörkellos, ist es so hoch wie ein großgewachsener Mensch, und, wenn man direkt daneben steht, sind seine Proportionen wirklich beeindruckend.  
 

 

Der elegante Schriftzug prangte einst über dem Eingang eines traditionsreichen Schuhgeschäfts. Heute ist er Teil einer typografischen Schatzkammer liebevoll bewahrt im Buchstabenmuseum


Buchstaben haben Geheimnisse  
Bis zum Herbst verlängert wurde im Buchstabenmuseum außerdem die Sonderausstellung „Final Sale – Vom Kaufhaus ins Museum“. Sie widmet sich den charakteristischen Schriftzügen der großen Kaufhäuser, die im 20. Jahrhundert die Innenstädte geprägt haben, auch in Berlin. Hier treffen wir sie alle wieder, die Leuchtschriften von Karstadt, Wertheim und Schlecker, von Quelle, Hertie und Beate Uhse. Sie alle haben eines gemeinsam: Das Warenhaus als typische Verkaufsform des 20. Jahrhunderts ist so gut wie verschwunden. Was bleibt, sind die ikonischen Schriftzüge. Hier enthüllen sie ihr Innenleben – und ihre Geheimnisse. Der Karstadt-Schriftzug etwa war gar nicht so typografisch sachlich und schlicht, wie er erschien. Ausgeklügelt unterschiedliche Abstände etwa zwischen dem S und dem T und eine leichte Veränderung am Abstrich des K verhinderten zuviel Weißraum zwischen den Buchstaben und machten den Schriftzug harmonisch. Vor allem aber eignete sich die Schrift damit optimal für die senkrechte Ansicht, wie sie für viele Karstadt-Warenhäuser typisch war.  

Oft ist es Zufall, dass die Schriftzüge im Buchstabenmuseum gelandet sind. In den ergänzenden, sehr prägnanten Texten wird auch davon erzählt: Wie jemand vom Team zufällig vorbeifuhr, wenn ein Kaufhaus abgebaut wurde und die Leuchtbuchstaben vor dem Gebäude lagen, wie man auf gut Glück den Bauleiter fragte, ob diese zu haben seien. Wie der zustimmte und vielleicht froh war, dass er sich dann nicht um die Entsorgung kümmern muss. An die 3 000 Buchstaben sind im Museum gelagert und ausgestellt – manche davon auch aus ehemals Ost-Berlin. Ergänzt werden die Exponate durch historische Plastiktüten und einige andere Objekte, die ebenfalls die visuelle Sprache eines Unternehmens und seine besondere Schrift aufnahmen und ergänzten. Vieles im Buchstabenmuseum ist assoziativ und auch spielerisch geordnet. Das gibt ihm einen besonderen Charme.  

Die Sprache der Stadt  
Leuchtschrift ist die Sprache der Stadt, in diesem Museum sind ihre Buchstaben zu entziffern und die Buchstaben als Objekte aus der Nähe zu sehen. Sowohl die Sonderausstellung als auch die Dauerausstellung sind außerordentlich bereichernd – für Designfans, die die Vintage-Schönheit der Leuchtobjekte und die durchdachte Gestaltung bewundern, für Touristen, die etwas über die visuelle Geschichte Berlins erfahren wollen, und auch für Berliner. Die könnten hier allerdings wehmütig werden, weil sie im Schnelldurchlauf sehen, wie rasant die Stadt ihren Text immer wieder ändert.  

 

An die 3 000 Buchstaben sind im Museum gelagert und ausgestellt

Buchstabenmuseum
Stadtbahnbogen 434, 10557 Berlin (hinter der S-Bahn-Station Bellevue)

Geöffnet Donnerstag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr. 
Eintritt 12 Euro, ermäßigt 6,50 Euro. 
 
Aktuelle Ausstellung „Final Sale – vom Kaufhaus ins Museum“ bis zum Herbst.

Susann Sitzler

Diesen Artikel teilen:

Mehr zum Thema »Kultur, Ausstellungen«

Wie das PETRI die Ursprünge Berlins freilegt
Sonderausstellung zu „200 Jahre Museumsinsel“
Das C/O Berlin "After Nature"
Pionierinnen jüdischen Designs im 20. Jahrhundert
Frauenfußball und Fotografie
Sonderausstellung im Werkbund Archiv